"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Streit als Strategie" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 12. 3. 2002

Innsbruck (OTS) - Die Tiroler VP ist eine Meisterin ihres Faches.
In Zeiten der sachpolitischen Eintönigkeit sorgt sie für selbstinszenierte Spannungselemente. Das jüngste dieser schlagzeilenträchtigen Themen bildete nun das immer wiederkehrende Gerede über eine Parteispaltung, über die zweite Liste bei den Landtagswahlen.

Dem neuen Parteiobmann Herwig van Staa dürften dabei diese Spekulationen gar nicht so ungelegen kommen, selbst dann, wenn sie nicht gewollt sind. Denn diese Streitthemen schwächen die politische Konkurrenz. Wenn nämlich die VP einen internen Konflikt offen austrägt, dann üben sich die anderen Landtagsparteien im Verschwinden von der Bildfläche. Anstatt Kompetenz zu beweisen, sich um die Themenführerschaft im Lande zu streiten, starrt die Konkurrenz auf das Treiben bei der Volkspartei, kommentiert dieses gar noch und verleiht damit der Inszenierung noch mehr an Wichtigkeit. Andererseits, und niemand weiß dies besser als Herwig van Staa selbst, sichert eine zweite VP-Liste nicht nur die Macht ab, sondern führt diese zwangsläufig zum Ausbau der Macht. Denn würde die Volkspartei tatsächlich mit einer Liste unter van Staa und einer von Dinkhauser und Zanon angeführten eigenen VP-Liste in die Landtagswahl gehen, dann könnten diese beiden VP-Listen gemeinsam ein Wahlergebnis wie einst Eduard Wallnöfer einfahren. Schließlich würden so mit van Staa, Dinkhauser und Zanon die drei populärsten Tiroler Politiker den Wahlkampf bestimmen. In so einer Konstellation können FPÖ, SPÖ und die Grünen nur verlieren.
Problematisch wäre also für van Staa nicht die zweite VP-Liste, vorausgesetzt, sie schneidet nicht besser ab als die van Staa-Liste, sondern nur eine Partei-Neugründung. Doch da kann van Staa sich sicher sein: Ein Fritz Dinkhauser und eine Elisabeth Zanon werden der Mutterpartei sicher nicht den Rücken kehren. Also ist eine mögliche Parteispaltung bloßes Gerede oder eben gefinkelte Strategie.

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