DER STANDARD-Kommentar: "La vita è bella: Roberto Benigni, die italienische Politik und der Frohsinn in der Katastrophe" (von Christoph Prantner) - Erscheinungstag 8-3-2002

Wien (OTS) - Alimentari statt Argumente - Giuliano Ferrara, einer der willfährigsten journalistischen Büttel Silvio Berlusconis, hat angekündigt, Roberto Benigni beim Festival von San Remo mit Gemüse und Eiern zu bewerfen. Der stets etwas zerzauste Komiker dürfe sich vor einem Millionenpublikum nicht abschätzig über den Premierminister äußern - nicht auf einem öffentlich- rechtlichen TV-Kanal und schon gar nicht mit einer öffentlich-rechtlichen Gage finanziert. "Zensur", "Satireverbot", schreien die Linken. Weg mit dem subventionierten Wurschtel des linken Regimes, heißt es anderswo.

Italien hat wieder eine "Polemik". Und die Opposition der Intellektuellen und Bürger macht nach den Diskussionen um Berlusconis RAI-Übernahme und nach der lauwarmen "Regelung" seines Interessenkonflikts mit Roberto Benigni erneut Punkte im innenpolitischen Spiel. Ob die Zucchini und Melanzane im ehrwürdigen Ariston zu San Remo nun tatsächlich tief fliegen, ist nicht mehr wirklich von Belang. Die Episode scheint jedenfalls zu zeigen, dass die italienische Linke wieder Tritt fasst. Wenn schon nicht im Parlament, so doch auf der Piazza und eben beim Festival von San Remo.

Abgesehen vom Niveau der Debatte - die außerparlamentarische Opposition der Professoren, Sänger und Komiker ist im Vergleich etwa zu Österreich neuerdings tatsächlich von einer bemerkenswerten Vitalität. Obwohl die Koalition von alerten Autoritären und rabiaten Rassisten mit machtbesessenen Bürgerlichen in Italien wie in Österreich aktuell ist, kommt südlich der Alpen kein Denker oder Künstler auf resignative Abwanderungsgedanken. Obwohl die parteipolitisch organisierte Linke hier wie dort in miserabler Verfassung ist, würde kein Italiener Subversion mit Subordination verwechseln.

Allein: Italien verdankt seine demokratischen Abwehrreaktionen dem Umstand, dass es dort niemals einen starken Staat gegeben hat, der den Bürgern eine blinde Obrigkeitshörigkeit eingebleut hätte. Gerade deswegen ist Italien aber auch in die Bredouille geraten: Nur in einem Land wie Italien konnte es jemand wie Berlusconi, der sich (wie die meisten seiner Mitbürger) etwa über Steuergesetze oder Bauvorschriften kühl lächelnd hinwegsetzt, so weit bringen. Ein Bürger, der selbst Regeln ignoriert, darf sich nicht wundern, wenn seine gewählten Politiker dasselbe tun. Und - wie eben jetzt im Fall Berlusconis - drauf und dran sind, die Demokratie abzuschaffen.

Insofern relativiert sich der Widerstand der Italiener gegen ihren selbst gewählten Potentaten. Und die Filme Roberto Benignis, des Protagonisten des jüngsten Aufbegehrens gegen Berlusconi, sind ein gutes Beispiel dafür: In "Down by law" zettelt der von Benigni dargestellte Häftling Roberto mehr oder weniger arglos eine Gefängnisrevolte an ("I scream for icecream"). In "Night on Earth" schildert ein von ihm dargestellter römischer Taxifahrer, der permanent gegen Einbahnen fährt, einem Monsignore derart ausführlich seine sexuellen Abenteuer mit einem Kürbis, einem Schaf und seiner Schwägerin, dass der Priester versehentlich stirbt.

Die Revolte, der tote Monsignore - ein Versehen. Genauso, wie in Italien eben Berlusconis Wahl ein politisches Versehen (des linken Ulivo) war und wie die gegenwärtig erstarkende linke Opposition auf einem Missverständnis beruht: Ohne den schwachen Staat, ohne die breiten Räume für Subversion, die den Medientycoon aus Mailand bis an die Spitze gebracht haben, gäbe es die Hunderttausende Bürger nicht, die vor einer Woche in Rom gegen die Mitte-rechts- Regierung demonstrierten.

Wie der Machtkampf in Italien ausgeht, ist ungewiss. Gut möglich, dass Benigni auf der Bühne in San Remo seine mit einem Oscar ausgezeichnete Rolle spielt und den Italienern in einem demokratiepolitischen Desaster etwas Fröhlichkeit schenkt: La vita è bella, das Leben ist schön - trotz der Verhältnisse, die in Italien herrschen.

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