DIE ERSTEN ACHT Zum "Internationalen Tag der Frau": Die ersten Parlamentarierinnen

Wien (PK) - Am 4. März 1919 zogen erstmals acht weibliche Abgeordnete in die hehren Hallen des Hohen Hauses ein und
vollzogen damit den allerersten Schritt zur Gleichberechtigung
der Frau auch auf politischer Ebene. Insgesamt nahmen sieben Sozialdemokratinnen und eine Christlichsoziale an jenem Tag ihre parlamentarische Arbeit auf.

Hildegard Burjan wurde 1883 in Schlesien geboren und besuchte Gymnasien in Berlin und Zürich, wo sie hernach auch ein Studium
der Germanistik und Philosophie betrieb, welches sie mit der Erlangung des Doktortitels 1908 abschloss. Burjan war schon in frühen Jahren soziales Engagement ein grosses Anliegen, und so leistete sie nicht nur während des Ersten Weltkriegs
entsprechende Pionierarbeit, sie zählte auch zu den GründerInnen der "Caritas Socialis". Im Ministerium für soziale Fürsorge avancierte sie in der Folge zum Mitglied der Frauenkommission.
Für die Christlichsozialen in die Konstituierende Nationalversammlung gewählt, schied sie allerdings im November
1920 bereits wieder aus dem parlamentarischen Leben aus und
widmete sich wieder ihrer karitativen Tätigkeit sowie ihrem Beruf als Schriftstellerin. Sie starb 1933 in Wien. Ob ihrer Verdienste
um die römisch-katholische Kirche ist Burjan überdies Gegenstand eines Seligsprechungsprozesses.

Anna Boschek kam 1874 in Wien zur Welt und musste ob der Armut
ihrer Familie bereits im Kindesalter zu arbeiten beginnen. War
sie zunächst als Heimarbeiterin tätig, so fand sie später u.a. in einer Galvanisierungswerkstätte und einer Mundharmonikafabrik Arbeit, ehe sie ab 1891 in der Ottakringer Trikotfabrik
arbeitete. Ab 1894 war sie Gewerkschaftsangestellte, nachdem sie bereits ein Jahr zuvor Delegierte am ersten österreichischen Gewerkschaftskongress gewesen war. Später sollte sie dem Vorstand der Freien Gewerkschaften angehören und auch Mitglied der Frauenkommission werden. Seit 1891 Mitglied der Sozialdemokratie zählte sie bald zu deren führenden Repräsentantinnen, und dementsprechend zog sie auch 1919 in die Nationalversammlung ein. Bis zur gewaltsamen Ausschaltung der Demokratie durch Engelbert Dollfuss blieb sie Abgeordnete und engagierte sich vor allem in Sozial- und Arbeitsfragen. Das Gesetz zum Achtstundenarbeitstag
trug ebenso ihre Handschrift wie Vorlagen zur Arbeitsruhe, zum Nachtarbeitsverbot und zur Gewerbeinspektion. Federführend war
sie auch daran beteiligt, dass das Hausgehilfinnengesetz die Gesindeordnung ersetzte. Boschek starb 1957 in Wien.

Emmy Freundlich wiederum wurde 1878 in Usti Nad Labem geboren und stammte aus einer wohlhabenden Familie, war doch ihr Vater Bürgermeister des genannten Städtchens. Emmy Freundlich verliebte sich in einen sozialdemokratischen Agitator, den sie nur heiraten konnte, indem sie mit ihm ins schottische Gretna Green
durchbrannte, wo man seinerzeit so leicht Ehen schließen konnte
wie heutzutage in Las Vegas. Freundlich schloss sich daraufhin selbst der Sozialdemokratie an und war ab 1907 Mitarbeiterin der sozialdemokratischen Theoriezeitschrift "Der Kampf". 1917 wurde
sie hauptamtliche Sekretärin der Kinderfreunde, 1923 avancierte
sie zur Direktorin des Ernährungsamtes. Als einzige Frau war sie überdies Mitglied der Wirtschaftssektion des Völkerbundes. Dem Nationalrat gehörte sie bis 1934 an, wo sie sich vor allem in ökonomischen Fragen zu Wort meldete, sich aber auch als Expertin für Ernährungs- und Konsumentenfragen profilierte. 1934 durch die Austrofaschisten verhaftet, emigrierte sie nach ihrer Freilassung zunächst nach England und später in die USA, wo sie 1948 starb.

Adelheid Popp, 1869 in Wien geboren, musste schon im Alter von
neun Jahren zu arbeiten beginnen und war zunächst als Dienstmädchen, danach als Näherin tätig, ehe sie Fabrikarbeiterin wurde. Schon frühzeitig in der Arbeiterbewegung aktiv, war sie
u.a. mit Friedrich Engels und Victor Adler befreundet. Sie
gründete die "Arbeiterinnen-Zeitung", die sie auch lange Jahre selbst leitete. Mit ihren zahlreichen Publikationen - unter denen v.a. "Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin" immer noch
hervorragt - trug sie wesentlich zum Bewusstseinsbildungsprozess
der ArbeiterInnenschaft bei. Konsequenterweise stand Popp ab 1898 dem Frauenkomitee der Partei vor, ab 1904 gehörte sie auch dem sozialdemokratischen Parteivorstand an. Mitten im Ersten
Weltkrieg wurde sie überdies Vorsitzende des Internationalen Frauenkomitees der Sozialdemokraten. Zwar hatte sie sich 64jährig aus dem Vorstand der Partei zurückgezogen, doch war sie noch Abgeordnete, als Engelbert Dollfuss 1933/34 die Erste Republik zerstörte. Ob ihres Alters zwar nicht verhaftet, stand sie
dennoch bis zu ihrem Tod 1939 unter beständiger Überwachung.

Gabriele Proft, 1879 in Opava/Mähren geboren, war als einzige der "erst acht Mandatarinnen" auch in der Zweiten Republik noch
aktive Politikerin. Nach nur zwei Jahren Bürgerschule war sie Hausgehilfin geworden, später arbeitete sie als Heimarbeiterin,
ehe sie hauptamtliche Aktivistin der Sozialdemokratie wurde. Ab
1909 war sie Zentralsekretärin der sozialdemokratischen Frauenorganisation, daneben wirkte sie als führende Journalistin
in Organen wie "Der Kampf". Proft, die bereits ab 1911 dem Parteivorstand angehörte, zählte schon vor dem Ersten Weltkrieg
zu den profiliertesten VertreterInnen der Arbeiterbewegung und
war mit den bedeutendsten Persönlichkeiten jener Zeit - von Clara Zetkin bis zu Leo Trotzki - eng vertraut. Während des Ersten Weltkriegs zählte Proft, stets eine Exponentin des linken Flügels der Partei, mit Max und Friedrich Adler zu den Verfechtern einer vehementen Friedenspolitik und lehnte den Schulterschluss der Sozialdemokratie mit den kriegsführenden Regierungen kategorisch ab. Nach 1918 war sie denn auch eine der angesehendsten PolitikerInnen des Landes. Bis 1934 wirkte sie als Abgeordnete,
ehe sie vom Dollfuss-Regime wie viele ihrer KollegInnen
inhaftiert wurde. Auch unter dem Nationalsozialismus litt sie
immer wieder unter Verfolgung und Haft. Trotz ihres Alters
stellte sich Proft 1945 sofort wieder der Bewegung zur Verfügung und wurde Vorsitzende der SP-Frauen und stellvertretende
Vorsitzende der SPÖ. Von 1945 bis 1953 war sie abermals Abgeordnete, danach zog sie sich in den Ruhestand zurück, ihre Funktionen ihrer Gesinnungs- und seinerzeitigen Leidensgenossin
Rosa Jochmann übergebend. Proft starb 1971 in Bad Ischl und
konnte so den Beginn der Ära Kreisky noch erleben, womit ihr politisches Wirken einen Bogen von einem Dreivierteljahrhundert umspannte.

Therese Schlesinger kam in einem gutbürgerlichen Hause anno 1863 zur Welt und besuchte Volks- und Bürgerschule, ehe sie ihre
Bildung durch private Studien vervollkommnete. Sehr früh
betätigte sie sich als Verfasserin sozialdemokratischer Publikationen und engagierte sich in der Frauenbewegung. Sie war Mitglied des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins und gehörte dem Frauenreichskomitee der Sozialdemokratie an. Alsbald wurde sie auch Mitglied des sozialdemokratischen Parteivorstands. 1919 bis 1923 gehörte sie der Konstituierenden
Nationalversammlung und dem Nationalrat an, danach wirkte sie bis 1930 im Bundesrat. Nach der Okkupation Österreichs durch Nazideutschland mußte sie, ob ihrer Herkunft von den Nazis verfolgt, nach Frankreich fliehen, wo sie im Juni 1940, just während der französischen Niederlage gegen die Deutschen, verstarb.

Amalie Seidel wurde 1876 in Wien geboren und begann mit elf
Jahren zu arbeiten. Nach einigen Jahren als Dienstmädchen und Heimarbeiterin fand sie Arbeit in einer Fabrik und erwarb sich
1893 landesweiten Ruhm als Organisatorin des ersten Arbeiterinnenstreiks in Österreich. Von 1903 bis 1932 war sie führende Funktionärin der sozialdemokratischen Frauen, überdies saß sie im Vorstand der Wiener Konsumgenossenschaft. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie überdies Vizepräsidentin des Jugendhilfswerks. Bis zur Beseitigung der Demokratie wirkte
Seidel überdies als Abgeordnete. Sie starb 1952 in Wien.

Maria Tusch lebte und wirkte in Kärnten. 1868 in Klagenfurt geboren, arbeitete sie bereits mit 7 Jahren als Bedienstete des Klosters Maria Saal, ehe sie mit 12 Tabakarbeiterin wurde. In der Klagenfurter Tabakfabrik fand sie auch zur Politik und wurde
bereits frühzeitig Funktionärin der Gewerkschaft. Parallel dazu vollzog sich ihr Aufstieg in der Partei, und so wurde sie Vorsitzende der Kärntner SP-Frauen und Mitglied des Kärntner Landesparteivorstandes der Sozialdemokraten. Im März 1919 wurde
sie als einzige Frau aus einem der Bundesländer in die Nationalversammlung entsandt, von 1920 bis 1934 gehörte Tusch
auch dem Nationalrat an. Tusch starb 1939 in Klagenfurt.

Im Dezember 1920 zog übrigens die zweite Kammer des Parlaments nach, Marie Bock (S), Fanny Starhemberg und Berta Pichl (beide
CS) waren die ersten Bundesrätinnen der Geschichte. (Schluss)

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