"Die Presse" - Kommentar: "Freud in Afghanistan" von Anneliese Rohrer

Ausgabe vom 6.3.2002

WIEN (OTS). Auch ein General ist nur ein Mensch. Und so passierte dem Oberkommandierenden der US-Streitkräfte Tommy R. Franks an dem Tag, an dem zum ersten Mal seit Beginn der Luftangriffe auf Afghanistan US-Soldaten in einer Kampfhandlung gefallen sind, ein Freudscher Versprecher. Sigmund Freud definierte ihn als Fehlleistung, in der traumatisch-belastete Lebensereignisse und/oder Wünsche aus dem Unterbewusstsein auftauchen und verbalisiert werden. Franks hatte zum Tod der Soldaten nach Abschuss eines Hubschraubers südlich von Kabul gemeint, sie hätten ihr Leben "bei unseren Operationen in Vietnam verloren". Franks ist Vietnam-Veteran, wurde drei Mal verwundet. Sein Versprecher war also klassisch im Sinne der Trauma-These von Freud.
Der Vorfall ist auch deshalb bezeichnend, weil die Gleichung Afghanistan = Vietnam zu jenen Prophezeiungen gehört, die sich bis dato nicht bewahrheitet haben. Das Debakel, das den US-Streitkräften da und dort unmittelbar nach Beginn der Operation "enduring freedom" vorhergesagt worden war, ist nicht eingetreten; allerdings auch nicht ihr Ende, das die Amerikaner selbst ziemlich rasch mit dem "Ende" des verhassten Terrorpaten Osama bin Laden "tot oder lebendig" gleichgesetzt haben. Vom Vietnam-Drama wie von Bin Laden ist jetzt, genau fünf Monate nach Beginn des Afghanistan-Krieges, nicht mehr viel die Rede. Vietnam hat, so beeilte sich Franks seinen Lapsus zu korrigieren, "mit dem, was wir heute erleben, nichts mehr zu tun". Gleichgültig wie lange der Krieg gegen den Terror dauert, Franks wird hier recht behalten: Allein schon wegen der total veränderten Waffentechnologie.
Eine zweite Fehlprognose wurde ebenfalls just diese Woche deutlich:
Geld strömte an die internationalen Börsen wie schon lange nicht, im Sog des erstaunlichen Wirtschafts-Optimismus in den USA. Im Herbst 2001 aber wurde als Folge des Terrors eine mögliche, ja geradezu unausweichliche Weltwirtschaftskrise vorhergesagt. Keine verfügbaren Daten deuten im Moment darauf hin.
Schließlich stellte sich eine dritte Annahme als falsch heraus, die während der Horror-Wochen des Herbstes selbst von einem hohen Diplomaten des US-Außenministeriums in Wien geäußert wurde: Der Zerfall der "internationalen Koalition gegen den Terror". Offiziell jedenfalls hat sich noch kein "Partner" der USA aus dieser Koalition verabschiedet. Sie ist vielleicht nicht mehr so robust wie vor Monaten, aber sie hält.
Dieser Liste der - wie soll man es formulieren? - erfreulichen Fehl-Prognosen, steht freilich eine der enttäuschten Hoffnungen gegenüber: Unter dem Schock des globalen Terrors werden zwangsläufig alle Anstrengungen für einen Frieden in Nahost unternommen werden, um das Elend, die Wut und das Leiden dort als Wurzel weiteren Terrors zu beseitigen, wurde prophezeit. Nichts davon. Von einer Befriedung der Region scheint man weit entfernt, von einem gesteigerten Interesse der USA ist nichts zu bemerken.
Diese Erkenntnis wird auch jenen schwer auf die Seele fallen, die an eine grundlegende Änderung der US-Außenpolitik in Richtung Internationalisierung geglaubt haben. Der Unilateralismus (welch hässliches Wort!) ist tot, es lebe der Multilateralismus, hat es geheißen. Das war eine weitere Fehlannahme, weil man den USA geflissentlich die Substanz ihrer Interessen nicht zugestehen wollte: Selbstschutz.
Vielleicht ist die Bilanz jener Prognosen, die sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet haben, und jener, die leider nicht eingetroffen sind, bis jetzt ausgeglichen. Das wäre in einer so unsicheren Zeit auch schon etwas. In Zukunft wäre es politisch aber hilfreicher, diverse Annahmen der Realität anzupassen - auf beiden Listen.

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