WirtschaftsBlatt-Kommentar: Aufschwung mit Schönheitsfehlern - von Ruth Reitmeier

Wien (OTS) - Kaum hat sich die US-Wirtschaft einigermassen
erfangen, soll sie auch schon die ganze Welt aus der Stagnation ziehen. So dürfte die österreichische Steuerreform nun nicht mehr lange auf sich warten lassen. Finanzminister Karl-Heinz Grasser hat ja diesbezüglich stets global argumentiert: An Steuerreform könne erst gedacht werden, wenn die Wirtschaft anspringt. Und das hinge von der Entwicklung in den USA ab.

Die Weltbörsen feiern jedenfalls bereits den Aufschwung. Zweifellos hat sich die US-Wirtschaft erholt, die Rezession fiel mild aus und war von kurzer Dauer. Das ist aber noch kein Grund zu überzogenen Hoffnungen, etwa dass die US-Konjunktur demnächst wieder an ihre Hochblüte der späten 90er anknüpfen wird. Wo sollte das Konjunktur-High auch herkommen? Ein neuer Technologieboom oder sonstige die Wirtschaft beflügelnde Trends sind derzeit nicht in Sicht. Hinzu kommt das explodierende US-Leistungsbilanzdefizit. Es ist auf bereits vier Prozent des BIP angeschwollen und dürfte im kommenden Jahr die Sechs-Prozent-Marke erreichen. Diese Schieflage in der grössten Volkswirtschaft der Welt ist das grösste Risiko des aufkeimenden Aufschwungs. Selbst US-Notenbankchef Alan Greenspan äusserte sich erstmals besorgt.

Die USA importieren weit mehr Waren und Dienstleistungen als sie exportieren. Finanziert wird das Ganze auf Pump, nach dem Motto:
Heute konsumieren, später bezahlen. Nicht nur die Unternehmen, auch die US-Privathaushalte sind hoch verschuldet.

Nun gilt dieses Risiko als kontrollierbar, solange genug Kapital ins Land fliesst wie das jetzt wieder der Fall ist. Das Loch in der Leistungsbilanz bedeutet ja automatisch, dass sich die USA im Ausland verschulden müssen, zumal ein guter Teil der Importe nicht mit Einnahmen aus dem Export finanziert werden kann. Die US-Nettoverschuldung liegt bei 200 Milliarden Dollar. Die Sache hat aber einen Schönheitsfehler. Je grösser das Leistungsbilanzdefizit, desto teurer seine Finanzierung. Ausserdem machen Kapitalflüsse bekanntlich sehr rasch eine Kehrtwende. Noch ist New York der
Nabel der Finanzwelt. Es genügen aber ein paar weitere Fälle von kreativer Buchführung à la Enron, und das Auslandskapital ist dahin. Die Folge wäre eine massive Abwertung des Dollar, die die Weltwirtschaft erst recht durcheinander bringen könnte. (Schluss) RR

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