"DER HOMO SAPIENS STEHT VOR GRÖSSTEM KLIMAWANDEL SEINER EXISTENZ" Parlament: Symposium zum Thema "Klimaforschung und Politik"

Wien (PK) - Nationalratspräsident Heinz Fischer eröffnete heute
im Parlament ein Symposium zum Thema "Klimaforschung und
Politik", zu dem er gemeinsam mit dem Obmann der Kommission für Reinhaltung der Luft der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Univ.-Prof. Dr. Othmar Preining, eingeladen
hatte.

Der Nationalratspräsident wies in seinen Begrüßungsworten darauf hin, dass sich der Umweltausschuss des Nationalrates schon in wenigen Tagen mit der Ratifikation des Kyoto-Protokolls befassen werde, und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass auf dem heutigen Symposium politisch und praktisch nützliche Überlegungen zu einem wichtigen Thema formuliert werden können, das die internationalen Beziehungen und den Dialog zwischen Europa, den USA und der
Dritten Welt beeinflusse.

Univ.-Prof. Dr. Othmar Preining ging auf die Vielfalt der wissenschaftlichen Meinungen zum Thema "Klimawandel" ein, bejahte aber klar die Frage, dass der Mensch das Klima mit großer Wahrscheinlichkeit verändere. Daraus folge die zweite Frage, was angesichts des globalen Klimaproblems zu tun sei. Prof. Preining plädierte für die rasche Ratifikation des Kyoto-Protokolls, da dies ein wichtiges politisches Signal sei, auch wenn alle wissen, dass die dort vereinbarte CO2-Emissionsreduktion nicht ausreichen werde, sondern nur einen ersten wichtigen Schritt darstelle.

Prof. Dr. Hartmut Graßl (Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung "Globale Umweltveränderungen")
sprach über "Klimaänderungen und die Transformation der Energiesysteme". Er bemühte sich einleitend, die natürlichen Ursachen für Klimaänderungen - Schwankungen der Erdbahn, Sonnenflecken, Meteoriten, Vulkanaktivität - von klimaändernden Auswirkungen menschlicher Aktivitäten zu unterscheiden. Dabei
hielt es Graßl als Resultat aller ihm vorliegenden Untersuchungen fest, dass der Einfluss des Menschen auf das globale Klima eine Tatsache sei, an der kein Zweifel bestehe. Graßl untermauerte
diese Aussage mit Daten zum signifikanten Anstieg der CO2-Konzentrationen in der Erdatmosphäre seit 1850 und dem Hinweis darauf, dass die Nutzung fossiler Brennstoffe durch den Menschen erdgeschichtlich die größte Zunahme der CO2-Konzentration der Atmosphäre bewirkt habe. Der dadurch ausgelöste Treibhaus-Effekt überfordere die Anpassungsfähigkeit der Biosphäre, konstatierte der Meteorologe und erinnerte nachdrücklich daran, dass "die Menschen nicht von der Industrie, sondern von der Photosynthese
der Pflanzen leben".

Graßl ging dann auf den Rückgang der Alpengletscher sowie auf die Erwärmung der Meere und das Steigen des Meeresspiegels seit 1992
um jährlich 2 mm ein. Graßl wies auch auf die Zunahme extremer Wetterereignisse hin und zitierte aus Hochwasserstatistiken sowie aus den Berechnungen von Rückversicherungsanstalten, die während der letzten Jahre eine Vervielfachung der Schadenssumme in Folge
von Naturkatastrophen dokumentieren. In diesem Zusammenhang kritisierte der Wissenschaftler auch lokales Fehlverhalten,
nämlich das Bauen in hochwassergefährdeten Niederungen oder in lawinengefährdeten Bergregionen.

Grundsätzlich warnte Prof. Graßl die Politiker davor, abzuwarten bis alle Daten der Wissenschaftler zweifelsfrei geklärt seien,
und nannte als positives Beispiel das Montrealer Protokoll, durch das im Bereich der Ozon-Problematik rechtzeitig Schlimmeres verhindert werden konnte, wobei heute bekannt sei, dass die Wissenschaftler die FCKW-Probleme keineswegs übertrieben, sondern sie in ihrer Dramatik sogar unterschätzt haben. Auf Grund der ihm vorliegenden Daten hielt es Prof. Graßl für nicht ausgeschlossen, dass dem Homo sapiens im 21. Jahrhundert die größte Klimaveränderung seit seinem Entstehen drohe. Es könnten Klimaverhältnisse wie zuletzt vor 130.000 Jahren eintreten, als -wie Ausgrabungen beim Bau der Londoner U-Bahn zeigten - Elefanten und Löwen in Großbritannien lebten. Daher plädierte Prof. Graßl dafür, das Kyoto-Ziel zur Verringerung der Treibhaus-Gase umzusetzen und dem jetzt vereinbarten Protokoll die notwendigen weiteren Schritte folgen zu lassen, um den Treibhauseffekt zu mildern. Praktisch gehe es darum, das Wirtschaftswachstum vom Energieeinsatz zu entkoppeln und die globalen Energiesysteme zu transformieren, schloss Prof. Hartmut Graßl.

Dr. Nebosja Nakicenovic (International Institute for Applied
Systems Analysis, Laxenburg) befasste sich in seinem Referat mit
den technologischen und wirtschaftlichen Perspektiven des Klimawandels. Anhand zahlreicher Berechnungen illustrierte er die Auswirkungen von Faktoren wie Wirtschaftswachstum oder Bevölkerungsentwicklung auf den Klimawandel. In den letzten 150 Jahren sei ein deutlicher Temperaturanstieg festgestellt worden, wobei die Berechungen der Klimamodelle von 1,3 Grad Celsius bis
5,8 Grad Celsius ausgehen. Was die erneuerbaren Energiequellen
(z.B. Biomasse, Sonne, Wind) betrifft, so bestünden keine physikalischen Beschränkungen; es gehe vielmehr darum,
rechtzeitig entsprechende Technologien zu entwickeln, um diese nutzbar zu machen. Das Protokoll von Kyoto, das zwar nur einen kleinen Schritt in die richtige Richtung darstellt, halte er für sehr wichtig. Es müsse jedoch noch viele derartige Abkommen
geben, damit eine Reduktion der Emissionen sichergestellt werden kann.

Sodann schlug er eine Reihe von Maßnahmen vor, die in Zukunft ergriffen werden müssten. Eine der wichtigsten sei dabei die Verbesserung der Energieeffizienz, und zwar sowohl was die Produktion als auch die Nutzung (z.B. Wärmedämmung) betrifft. Man gehe von einem möglichen Verbesserungspotential aus, das bei
einem Faktor 10 bis 100 liege. Weitere wichtige Schwerpunkte
seien der Ausbau der erneuerbaren Energiegewinnung sowie die Entwicklung von neuen Technologien (z.B. Trennung von
Kohlenstoff). Besorgt zeigte er sich über den drastischen
Rückgang der Forschungsausgaben im Energiebereich in den OECD-Staaten (außer Japan). Es sollten langfristige Programme ausgearbeitet und zahlreiche Pilotprojekte in die Wege geleitet werden, schlug Nakicenovic vor. Als positives Beispiel führte er Brasilien an, wo es gelungen sei, die Kosten für die Äthanolgewinnung aus Zuckerrohr auf ein Drittel zu senken. Abschließend unterstrich er nochmals, dass ein Strukturwandel induziert werden müsse, da er nicht automatisch eintrete; Kyoto
sei nur der Anfang.

In der Folge meldeten sich noch die Abgeordneten Eva Glawischnig
(G) und Erwin Hornek (V) zu Wort. Glawischnig sprach vor allem
das Problem der wissenschaftlichen Unschärfe von Prognosen sowie deren Relevanz hinsichtlich politischer Entscheidungen an und befasste sich mit den Zukunftsperspektiven von Energiegewinnung
aus erneuerbaren Energieträgern.

Professor Dr. Hartmut Graßl erinnerte daran, dass die Europäer bisher das Vorsorgeprinzip hoch gehalten haben, was man etwa an
den positiven Entwicklungen im Bereich der Wasser- und
Luftqualität sehen könne. Im Bereich des globalen Temperaturanstiegs gebe es eine so geringe Irrtumswahrscheinlichkeit, dass nicht mehr das Vorsorgeprinzip, sondern unmittelbares Handeln angesagt sei, betonte er.

Er sei sehr dankbar über die heutige Veranstaltung, die in seriöser Form zur Meinungsbildung beitrage, meinte Abgeordneter Hornek (V). Er sei überzeugt davon, dass es höchst an der Zeit sei, das Gewicht zu verlagern, damit das Gleichgewicht erhalten bleibt. Aus eigener langjähriger Erfahrung wisse er jedoch, dass zwar die Techniken bereits vorhanden sind, aber die Akzeptanz in
der Bevölkerung zum Teil noch fehle. Weiters trat er für eine verstärkte Nutzung der Sonnenenergie ein.

Prof. Dr. Hartmut Graßl zeigte die Grenzen des Einsatz von photovoltaischen Anlagen auf, da einfach zu riesige Flächen dafür erforderlich seien. Zudem müsse man nicht nur danach trachten,
die Effizienz bei der Energiegewinnung zu steigern, sondern auch zukunftsträchtige Technologien entwickeln, um etwa die "Sonne direkt anzuzapfen". (Schluss)

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