"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Ehrliche Debatte" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 2. 3. 2002

Innsbruck (OTS) - In Österreich wird, wer wüsste das nicht, als Umgangs- und als Amtssprache Deutsch gesprochen. Also sollte, wer hier lebt und leben will, diese Sprache so beherrschen, dass sie und er Angelegenheiten des Lebens eigenständig besorgen kann. Deutsch zu erlernen ist für zuwandernde Ausländer also ein Vorteil. Die Verpflichtung dazu vorweg abzulehnen ist eine vorauseilende Kritik am Integrationsvertrag, der nächste Woche vorgelegt wird. Und der eine sachliche, ehrliche Debatte erfordert, um allen Beteiligten bittere und ergebnislose Streitigkeiten zu ersparen. So sollte als erstes das politische Kampfvokabular einer Abrüstung unterzogen werden. Ein Innenminister ist nicht von amtswegen ein Ausgrenzer unter dem Generalverdacht des Rassismus, ein Oppositioneller ist nicht von Haus aus ein gefühlsduseliger Gutmensch ohne Verstand für Staat für Wirtschaft. Nimmt man also die Parteibrille weg, eröffnet sich ein klarer Blick auf eine schwierige Sachlage. In Österreich sind, nach Jahren des Rückganges an Geburten, 1999 erstmals mehr Menschen verstorben als auf die Welt kamen. Geht das so weiter, dann ist die nächste Pensionsreform eine Pensionskürzung. In den Unternehmen werden gebildete und weltgewandte Arbeitskräfte gebraucht. Wird der Arbeitsmarkt aber total abgeschottet, werden ausländische Unternehmen hier keine Niederlassung gründen, weil sie nicht einen ihrer Fachleute mitbringen können. Darauf wird sich kein Unternehmen einlassen. Und wer meint, es ginge etwa im Tourismus und in den Pflegeberufen ohne ausländische Arbeitskollegen, nimmt den Zusammenbruch dieser Branchen in Kauf. Österreich und die EU müssen für Flüchtlinge und Asylanten zugänglich bleiben, um deren Schicksal zumindest zu lindern. Aber es geht um mehr. Ein demokratischer Staat und eine offene Gesellschaft müssen bereit sein, andere Menschen aufzunehmen. Das Angebot zur Integration erfordert aber andererseits die Bereitschaft zur Integration, und zwar in eine Gesellschaft, die aus guten Gründen Regeln hat. Etwa die Trennung von Staat und Religion, etwa die Anerkennung von Menschenrechten für Frauen. Auch hier gibt es, zugleich mit der deutschen Sprache, einiges zu lernen.

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