"Die Presse" - Kommentar: "Lob ohne Stacheln" von Andreas Unterberger

Ausgabe vom 2.3.2002

WIEN (OTS). Die Journalisten können immer nur kritisieren und besserwissen: Ein Vorwurf, der ihnen vielleicht nicht ganz zu Unrecht gemacht wird. Gewiss, es ist ihr Job, Missstände aufzudecken.
Es wäre auch grotesk, nach dem Motto "Wo bleibt das Positive, Herr Redakteur?" täglich alle Briefträger zu loben, die heute die Post austragen, und nichts über den "Ausnahmefall" zu berichten, der Briefe unterschlägt, "weil's ja nur einer ist".
Dennoch: Es findet sich auch unter dem Zeitungs-Relevanten genug, was es verdienen würde, nicht nur berichtet, sondern auch herausgehoben und gelobt zu werden. Dies besonders dann, wenn es um Akteure geht, die sonst eher zu kritisieren sind.
Wie etwa Innenminister Ernst Strasser. Vor ihm muss man neuerdings großen Respekt haben. Er hat sich nämlich einem Problem zugewandt, das normalerweise unter der Devise "Es ist ja nur ein Einzelfall" und "Es wird alles genau untersucht werden" mit Vorliebe unter den Teppich österreichischer Amtszimmer gekehrt wird: der Korruption. Strasser hat eine hochprofessionelle Jagd-Truppe zusammengestellt, die noch dazu so diskret arbeitet, dass auch hohe Polizeioffiziere von ihrer Existenz nichts Genaueres wussten, obwohl das Team schon Hunderte Fälle bearbeitet hat. Hut ab vor Strassers "Sauberen Händen".
Die Kopfbedeckung sollte auch vor dem Wiener Bürgermeister -unbeschadet seiner sonstigen sehr tiefen Töne und sehr hohen Hochhäuser - gezogen werden. Hat es Michael Häupl doch gewagt, an einem der alten Dogmen der Sozialdemokratie zu rütteln: Er signalisierte den Wienern, dass öffentliche Dienstleistungen in Zukunft eigentlich das kosten sollten, was sie nun mal kosten. Häupl scheint erkannt zu haben, wie unsozial und zur Verschwendung anreizend es ist, wenn sich die Nutzer öffentlicher Infrastruktur vom Steuerzahler aushalten lassen - das sind ja durchaus auch die kleinen Leute -, wenn etwa für die Benutzung eines Gemeinde-Schwimmbades bloß ein "Anerkennungsbetrag" bezahlt wird. Das Geld, das die Bäder kosten, kommt ja doch nicht aus der Steckdose, wie andere Genossen noch immer glauben. Häupl riskiert mit diesem Mut zur Wahrheit sogar, dass die Propaganda der Bundes-SP eine scharfe Delle erlitten hat.
Vor den Vorhang zu bitten ist auch Verteidigungsminister Herbert Scheibner, der trotz heftigem parteiinternen und medialen Druck zusammen mit dem Bundeskanzler an der Notwendigkeit von Abfangjägern festhält. Obwohl das seine Partei einige Stimmprozente kosten kann. Teamkollegen Karl-Heinz Grasser ist ebenso wie dem steirischen VP-Kämpen Hermann Schützenhöfer (dem vor allem deshalb, weil es bei ihm irgendwie mehr überrascht als beim Kanzler) Anerkennung zu zollen, weil sie sich dem populistischen Wettbewerb entziehen, möglichst laut und ohne Rücksicht auf Finanzierbarkeit nach Steuersenkungen zu rufen.
Die neue ORF-Chefin Monika Lindner imponiert, weil sie demonstrativ dem Meinungsdruck der Politruks des Redaktionsausschusses die kalte Schulter gezeigt hat. Jubel löst auch die EU-Kommission aus, die im Kampf gegen exzessive Agrarbeihilfen sogar eine direkte Schlacht mit den Mitgliedsländern in Kauf nimmt. Und der Chef des Verbunds, Hans Haider, ist zu loben, weil er es wagt, trotz Terror der Kronenzeitung an der Vernunft festzuhalten. Und schließlich wäre auch fast sein Namensvetter aus Kärnten für den Beginn eines sehr konstruktiven Ortstafel-Dialogs mit der slowenischen Minderheit zu rühmen (wären da nicht die schweren Aggressionsschübe aus den Wochen davor gewesen).
Nur eines stimmt bei dem vielen - ehrlich gemeinten - Lob bedenklich: Werden da nicht Dinge gelobt, die eigentlich selbstverständlich sein sollten? Und warum sind sie das nicht?

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