WirtschaftsBlatt-Kommentar: Koalition der Ehemaligen (von Engelbert Washietl)

Wien (OTS) - Die Vergangenheit lebt, das ist unbestreitbar. Allerdings kommt es darauf an, wie. Und ob sich mit den Mitteln der Vernunft rechtzeitig verhindern lässt, dass Vergangenheit die Zukunft der nächsten Generationen verstellt. Die Vertreibung der Sudetendeutschen auf Grund der Benes-Dekrete gehörte zu den Gräueltaten des 20. Jahrhunderts und wurde als unbewältigtes Stück tschechischer Vergangenheit ins 21. Jahrhundert überliefert. Die Benes-Dekrete sind Teil der tschechischen Verfassung, und die heutige Regierung in Prag kann oder will davon nicht herunter. Aber in der EU beginnt man sich ernsthaft zu fragen, ob ein Staat mit einem derartigen Verfassungsartikel als Mitglied kompatibel ist.

Um diese mühsame und möglicherweise folgenschwere Aufgabe kommt niemand herum. Allerdings beginnt sich die Problematik parallel zu dem, was man als "Vergangenheitsbewältigung" umschreibt, prompt zu verselbständigen. Der deutsche Bundeskanzler sagt einen Besuch in Prag ab, weil die Thematik derzeit politisch unkontrollierbar ist. Verdächtigungen sind aller Orten abzuholen: von einer "Achse Bayern-Österreich-Ungarn" (gegen Tschechien) ist die Rede. Geographisch müsste sie sich als Harpune ins Herz der Zentraleuropa-Idealisten darstellen.

Und weiter geht's, denn welches europäische Volk blieb in einem Jahrhundert mit zwei Weltkriegen, europäischer Teilung, Mauerbauten und Grenzverschiebungen moralisch unbefleckt? Vom Kärntner Abwehrkampf bis zur französisch-deutschen Erbfeindschaft ist alles drin, was die europäische Zukunft verstellt.

Und genau das sollten aber alle verhindern helfen, die ihre und die Zukunft ihrer Kinder nicht der scheinbar allgegenwärtigen Koalition der Ehemaligen überantworten wollen. Die Vergangenheit lässt sich in den Griff kriegen, wie es beispielsweise Frankreich und Deutschland innerhalb der Europäischen Union gelungen ist: das Paradebeispiel einer Zukunftsbewältigung, soeben hält sie bei der erfolgreichen Etablierung von Euro-Land, und vieles muss noch folgen. Die Vergangenheit lässt sich aber auch in ein Inferno für alle Gegenwärtigen verwandeln: Was sich seit 1990 in Südosteuropa abspielte, ist das nächstliegende Exempel man muss gar nicht erst nach Afghanistan oder Indien blicken (Schluss) was

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