ÖGB: Einkommensungleichheit eine Herausforderung für solidarische Lohnpolitik

AK-Chaloupek: 1000 Euro Mindestlohn und Verringerung der Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männer (4)

Wattens (ÖGB). Der Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung in der Arbeiterkammer Wien, Dr. Günther Chaloupek, stellte in seinem Referat die Frage "Ist Kollektivvertragspolitik noch zeitgemäß?" Dabei gehe es sowohl um die Zielsetzungen der Kollektivvertragspolitik, als auch darum, wie effektiv die Verfolgung dieser Ziele in einem sich wandelnden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld sind und welche Auswirkungen auf gesamtwirtschaftliche Zielsetzungen gegeben sind", sagte der AK-Experte.++++

Die Erhöhung der Realeinkommen im Ausmaß der gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung - zusammen mit Sicherung der Löhne und Gehälter vor der Entwertung durch Inflation -als mittel- und längerfristiges Ziel, habe in Zeiten schwächeren Wirtschaftswachstums und gestiegener Arbeitslosigkeit an Aktualität gewonnen, so Chaloupek. "Ein Arbeitsmarkt mit hoher bzw. steigender Arbeitslosigkeit erzeugt zudem einen starken Druck für eine Zunahme der Einkommensungleichheit." Das bedeute eine starke Herausforderung für die solidarische Lohnpolitik.

Das Ziel heißt 1000 Euro Mindestlohn

"Die deutlich erhöhte Ungleichheit der Verteilung der Löhne und Gehälter in jenen Ländern, in denen die kollektiven Lohnbildungsmechanismen geringe Bedeutung haben, also in den USA und in Großbritannien, zeigt, dass Kollektivverträge für eine möglichst gleichmäßige Teilhabe aller Beschäftigten am Produktivitätszuwachs entscheidend sind.", betonte der Ökonom. In Österreich sei dies in den vergangenen 20 Jahren in vergleichsweise hohem Maße, wenn auch nicht völlig, erreicht worden. "Die Herausforderung ist in den nächsten Jahren unverändert stark gegeben", prognostizierte Chaloupek. Aus ähnlichen Gründen gelte dies auch für die Mindestlohnpolitik - Ziel 1.000 Euro - und für die angestrebte Verringerung der Einkommensunterschiede für Frauen und Männer.

Arbeitgeber nützen "Verteiloptionen" viel zu wenig

"Von Unternehmerseite wird die kollektive Lohnsetzung seit längerem aus den verschiedensten Gründen kritisiert", so Chaloupek. Eher vereinzelt sei die Infragestellung des Kollektivvertrags an sich. "Die maßgeblichen Interessenvertretungen der Unternehmer fordern Änderungen, ohne den Kollektivvertrag als solchen zu negieren, wobei diese Änderungen meist in Richtung Erhöhung der Flexibilität gehen. Die immer wieder behauptete Überforderung der Leistungskraft der Unternehmungen durch zu hohe Lohnforderungen lässt sich mit Sicherheit nicht belegen", kritisierte Chaloupek. Die sogenannten "Lohnstückkosten" seien sowohl langfristig wie auch in den vergangenen fünf Jahren weniger stark gestiegen als in den Konkurrenzländern Österreichs. Die preisliche und kostenmäßige internationale Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industrieerzeugnisse habe sich deutlich verbessert. Chaloupek: "Und zwar seit 1997 um fast zehn Prozent." In der Industrie sei beispielsweise durch so genannte "Verteiloptionen" in den Kollektivverträgen zusätzlicher Flexibilitätsspielraum auf betrieblicher Ebene geschaffen worden, der allerdings von Arbeitgeberseite meist nur in geringem Ausmaß genützt wurde.

Kollektivverträge bieten genügend Gestaltungsmöglichkeiten

Vor allem muss in diesem Zusammenhang auf die hohe Anpassungsfähigkeit des Kollektivvertrages an unterschiedliche Erfordernisse der einzelnen Wirtschaftsbranchen hingewiesen werden. Wenn in Österreich mehr als 95 Prozent der ArbeitnehmerInnen durch Kollektivverträge erfasst werden, so steht hinter dieser hohen Gesamtdeckungsrate die große Vielfalt von rund 250 bundesweiten Kollektivverträgen Dazu kommen noch zahlreiche mit regionalem Geltungsbereich. Dies ermögliche nicht nur bei der Entlohnung, sondern auch bei der Gestaltung sonstiger Arbeitsbedingungen - vor allem auch bei der Arbeitszeit - ein Eingehen auf die differenzierten Verhältnisse. "Die Radikalforderungen nach betrieblicher Dezentralisierung stehen daher nicht nur in starkem Gegensatz zu den gewerkschaftlichen Zielsetzungen, sie sind auch nicht mit sachlichen Erfordernissen zu begründen", sagte Chaloupek abschließend (hell/ew)

ÖGB, 1. März 2002
Nr. 172
(Schluss)

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