WirtschaftsBlatt-Kommentar: Der Euro braucht eine Katharina Prato (von Herbert Geyer)

Wien (OTS) - Auf dem Münchner Viktualienmarkt werden Äpfel und Orangen immer noch in Pfund angeboten, auch die Hamburger "Brigitte" rechnet das Abspecken in Pfunden obwohl die Meterkonvention von 1875, die Meter, Kilo, Liter & Co. als alleinige Masseinheiten vorschreibt, natürlich auch in deutschen Landen gilt.

Dass das Pfund in Österreich vergessen ist, gilt als Verdienst der Katharina Prato: Die Steirerin Prato hatte einen Bestseller verfasst, das Kochbuch "Süddeutsche Küche", das zwischen 1858 und 1928 in 75 Auflagen fast eine halbe Million Mal verkauft wurde.
In einer der letzten Auflagen vor dem Inkrafttreten der Meterkonvention quälte sich auch die Prato noch mit Umrechnungstipps, die frappant an die Euro-Kurse erinnern: "Da 1 Loth vom Wienergewichte 17 1/2 Gramm beträgt, so ergibt sich bei der Umrechnung jeder ungleichen Zahl ein halbes Gramm, welches man jedoch für die Angaben der Speisenvorschriften als zu unbedeutend wegläßt." Oder: "Ein Deciliter ist um einen schwach gemessenen
Eßlöffel mehr als 1/4 Seidel."

Ab 1876 verzichtete die Prato allerdings auf Loth, Quentchen und Seidel und gab in ihren Rezepten konsequent nur noch Kilo, Gramm und Liter an. Mit dem Effekt, dass die Benützerinnen ihres Mega-Sellers auch beim Einkaufen nur noch nach Kilo und Liter fragten und in Österreich das Pfund (rund 56 Deka) rasch vergessen war.

Auch der Euro braucht seine Katharina Prato. So lange wir vor jeder Kaufentscheidung mühsam mit 14 multiplizieren müssen, werden wir auch ein Budgetvolumen von 58 Milliarden Euro als relativ niedrig und einen Benzinpreis von 90 Cent als Mezzie empfinden.
Natürlich ist es bequem, wenn uns Billa, Spar & Co. noch immer vorrechnen, was zehn Deka Emmentaler oder ein Kilo Granny Smith in Schilling und Groschen kosten daran sind wir gewöhnt, da haben wir ein Gefühl für Preise, wissen, was teuer oder billig ist. Hilfreich ist es nicht: Der Schilling ist seit heute Geschichte, und er kommt nicht wieder. Und je schneller wir uns an den Euro gewöhnen und ein Gefühl für seinen Wert entwickeln, desto besser.
Also: Gebt dem Euro seine Katharina Prato. Vergesst den Schilling. Weg mit der doppelten Preisauszeichnung! (Schluss) hg

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt
Redaktionstel. 91919-305

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB/PWB/OTS