"Die Presse"-Kommentar: "Von Urlaubern und Fremden" (von FLORIAN ASAMER)

Ausgabe vom 28. 2. 2002

Wien (OTS). Manches erfährt man eher zufällig (etwa im Wartezimmer beim Zahnarzt): Da verrät FP-Klubchef Peter Westenthaler den Lesern eines Frauenmagazins auf den Society-Seiten sein bevorzugtes Urlaubsziel, die Türkei. An der Seite seiner Frau und der fünfjährigen Tochter Conny auf der Wohnzimmercouch klingt dieses Bekenntnis auch wenig sensationell.

Wundern muß sich nur derjenige, der "Türkei" oder andere Destinationen, aus denen traditionell Menschen nach Österreich kommen, um hier dauerhaft zu leben und zu arbeiten, aus dem Munde Westenthalers nur in unmittelbarer Nachbarschaft mit Wortungetümen wie "Null-Zuwanderung" gehört hat. Daraus ergibt sich auch ein Problem bei der Beurteilung des vorgelegten Integrationsvertrages. Wie soll man - als Betroffener - einen Vertrag, der keiner ist, mitverhandelt von Politikern, die ihre Versprechen aus dem letzten Ausländer-Wahlkampf eingelöst sehen, als Chance begreifen? Alles andere als tiefes Mißtrauen wäre wohl zuviel verlangt.

Dennoch sind Deutschkurse für Menschen, die nicht Deutsch können, immer noch um vieles besser als keine Deutschkurse. Und es gibt sicherlich viele, die mit verbesserten Sprachkenntnissen ihre Lebenssituation deutlich werden verbessern können. Ob es der richtige Weg ist, jenen, die - warum immer - an den Anforderungen scheitern, das Messer anzusetzen, ist allerdings fraglich. Positiv zu vermerken ist, daß sich für jene Menschen, die die Vorgaben erfüllen, nach fünf Jahren ein dauerhafter Zugang zum Arbeitsmarkt auftut. Es ist ein Fortschritt im Umgang mit Fremden, daß sie nicht mehr ständig aufs Neue um die Verlängerung ihrer Arbeitsgenehmigung ansuchen müssen. Hauptkritikpunkt an einer Politik, die "Integration statt Neuzuzug " auf ihre Fahnen schreibt, bleibt aber die Öffnung aller Branchen für Saisonniers. Verdrängen doch die Saisonarbeiter, die definitionsgemäß nicht integrierbar sind, viele schon länger in Österreich befindliche Ausländer vom Arbeitsmarkt. Eines ist aber sicher: Würden Politiker bei der Präsentation ihrer Migrationspolitik vom letzten Urlaub im Ausland schwärmen, wäre das Vertrauen wohl größer. Tina Greiner

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