"Presse"-Kommentar: Ja zu diesem Designer-Baby (von Michael Fleischhacker)

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"Presse"-Kommentar: Ja zu diesem Designer-Baby (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 27. Fabruar 2002

Wien (OTS). Eines der mächtigen Signalwörter in der bioethischen Debatte ist
das Wort vom "Designer-Baby". Seine Macht bezieht es, typisch Signalwort, daraus, daß es einen falschen Eindruck erweckt. Es suggeriert nämlich, daß das Baby, von dem wir sprechen, sein Äußeres einer Folge verwerflicher Manipulationen zu verdanken hat: Blaue Augen, weil das die Erinnerung an den lieben Opa wachhält, lange Beine, weil das die Model-Karrierewünsche der Taufpatin so schön abbildet, ein zusätzliches Intelligenzgen, weil es die Frau Tochter später einmal zu etwas bringen soll.
Solche Manipulationen werden von der großen Mehrheit der Menschen aus unterschiedlichen Gründen abgelehnt. Die religiös motivierten Gegner jeglichen "Gendesigns" warnen davor, daß der Mensch "Gott spielt". Die Post-Metaphysiker fürchten mit Jürgen Habermas, daß durch solche Manipulationen das kommunikative Grundgerüst der Gesellschaft ins Wanken gerät: Kinder, deren - irreversible -Eigenschaften nichts anderes sind als der Ausdruck der Bedürfnisse ihrer Eltern, starten gewissermaßen auf einer schiefen Eben ins Leben.
Der Widerstand gegen solche Tendenzen ist derzeit wohlfeil: Die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten zur Herstellung solcher Wunderdinge können mit der Phantasie bei weitem nicht Schritt halten. Das "Designer-Baby", das derzeit die Gemüter in Großbritannien und darüber hinaus erregt, ist in diesem Sinn kein "Designer-Baby". Das Kind von Raj und Shahana Hashmi soll, wie berichtet, geboren werden, um mit Zellen aus seinem Nabelschnurblut das erste Kind des Ehepaars zu heilen, das an Thalassämie leidet. Um das sicherzustellen, werden die Embryonen, die im Verfahren der künstlichen Befruchtung hergestellt werden, vor der Einsetzung in die Geschlechtsorgane der Mutter einer Gendiagnose unterzogen, um zu garantieren, daß das Kind, das dann ausgetragen wird, über die "passenden" Gene verfügt bzw. das krankheitsauslösende Gen nicht aufweist. Die anderen, "überzähligen" Embryonen bzw. potentiellen Geschwister werden vernichtet.
Die zuständigen Behörden haben das Verfahren genehmigt und sind dafür kritisiert worden. Einerseits würde hier "selektiert", beklagen die Kritiker, andererseits sei damit eine Tür aufgemacht worden, durch die am Ende des Tages auch das "wirkliche" Designer-Baby mit den blauen Augen und den langen Beinen spazieren könnte. Die Argument haben einiges für sich, sie haben aber auch eine Schwäche: Wer nur in "Dammbruch"-Kategorien denkt, müßte auch die künstliche Befruchtung selbst untersagen. Denn es stimmt, daß die nicht implantierten Embryonen in einem solchen Verfahren unmittelbare Opfer einer "Selektion" sind (und damit viele an die Opfer der Nazi-Verbrechen erinnern). Es fragt sich nur, ob der moralische Unterschied zwischen einem "selektierten" Embryo und den Hunderttausenden "nicht selektierten" Embryonen, die im Zuge der künstlichen Befruchtung "gesetzeskonform" getötet werden, die Verweigerung dieser Diagnose zur Sicherstellung einer erfolgversprechenden Therapie rechtfertigen kann. Noch dazu, wenn der Embryo nicht als "Ersatzteillager" zerstört wird, sondern als Mitglied einer Familie freudig erwartet wird.
Wenn der konkrete Fall, das konkrete Leid und die konkrete
Hoffnung
zur Sprache kommen, geht die Erörterung moralischer Theorien in die Güterabwägung über. Und am Ende haben wir es in der Regel nicht mit der Verkündigung hehrer Prinzipien zu tun, sondern mit der mitunter unmenschlich anmutenden Wahl des geringeren Übels.
Darum ist es möglich und zu respektieren, daß auch jemand, der "Designer-Babys" ablehnt, ja zu diesem Designer-Baby sagt.

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