WirtschaftsBlatt-Kommentar: Die Ferien sind vorbei, die Kassenbosse arbeiten (Martin Rümmele)

Wien (OTS) - Eine Frage: Was passiert mit einem führenden Mitarbeiter eines Unternehmens,wenn er mit der Forderung zum Vorstand geht, sich mit vollen Bezügen für den Job eines Aufsichtsratschefs für vier Jahre beurlauben zu lassen? Die Wahrscheinlichkeit, dass er den Job los wird, wäre gross. Noch eine Frage: Was machen die Aktionäre mit dem Vorstand, wenn er den Wunsch des leitenden Mitarbeiters zuerst ganz, dann zu 50 Prozent und Stunden später immerhin noch zu 20 Prozent erfüllt? Sie würden zumindest die Kompetenz des Vorstandes anzweifeln.

In der Privatwirtschaft wirken solche Fragen skurril. Kein Mitarbeiter würde sich je mit einem solchen Anliegen an den Vorstand wenden. Doch der öffentliche Bereich ist anders. Dort verlangte zuletzt der Verwaltungsratspräsident des Hauptverbands der Sozialversicherungen, Herwig Frad (VP), den erwähnten Sonderurlaub von seiner Funktion als Top-Beamter im Wirtschaftsministerium. Als er freilich seine Repräsentationsaufgaben bei Bällen als Argument anführte, wendete sich das Blatt. Plötzlich fand Frads
Chef, Wirtschaftsminister Bartenstein, nachdem er noch kurz zuvor von 50 Prozent gesprochen hatte, dass auch 20 Prozent der Zeit zur Ausübung des Kassenjobs reichten.

Der plötzliche Arbeitseifer des Kassen-Aufsichtsratsbosses Frad gibt Hoffnung für die dringende Reform der Sozialversicherungen. Immerhin hat sich seit der politischen Wende vor zwei Jahren wenig getan. Auch nach der Ablöse von Hans Sallmutter schreiben die Kassen ein Minus, die Ambulanzgebühr wurde zum Flop und die Mitversicherung von Ehepartnern spülte bei weitem weniger Geld in die Kassen als erwartet.

Doch die Ferien für Kassenbosse scheinen endlich vorbei: Auch die neue operativ starke Geschäftsführung, bestehend aus einem alten Hauptverbandsgeschäftsführer, dem Ex-Boss der maroden Bauernkasse und dem Vize der nicht weniger defizitären Kärntner Gebietskrankenkasse, zeigt Elan.

Sie kündigt für März ein Reformkonzept an. Es ist zu hoffen, dass es ausser den bisher bekannt gewordenen Bilanztricks
auch Substanzielles enthält. Das wollen zumindest die Eigentümer der selbstverwalteten Kassen: Für 89 Prozent der Bevölkerung ist die Kassensanierung nach einer gestern präsentierten Umfrage die dringendste Reform der Regierung noch vor dem Nulldefizit (74 Prozent). (Schluss) rüm

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