"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die dritte Welle" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 23.2.2002

Innsbruck (OTS) - Erst in der dritten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg scheint eine etwas objektivere Debatte über Vergangenes zu gelingen. Es wurde Zeit dafür, denn mit ihr steht die Zukunft auf dem Spiel.

In diesen Tagen begann der ORF mit der Ausstrahlung der fünfteiligen Serie "Die große Flucht". Endlich wird über das Schicksal der 18 Millionen nach dem Krieg aus den ehemaligen Ostgebieten vertriebenen Deutschen breit in Dokumentationen berichtet. In dieser dritten Welle der Vergangenheitsbewältigung -die erste war Verdrängung, die zweite galt zurecht den NS-Opfern -wird ein bisher geltender Grundsatz aufgehoben: Die NS-Opfer gehören der politischen Linken, die Vertriebenen hingegen der Rechten.

Es war wichtig und richtig, die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuzeigen, das Verdrängen aufzubrechen, Entschädigungen - ohnehin zu spät und unzulänglich - einzuleiten. Aber die Linke hat die NS-Opfer vereinnahmt und einige von ihnen, etwa Geistliche, ausgeblendet. Und der Rechten fiel mit wenigen Ausnahmen dazu nichts oder das Falsche ein. Das änderte sich, als die Bundesregierung den NS-Opferfonds und anderes zustande brachte.

Erst jetzt scheint die Zeit reif zu sein, sich anderen Kriegsopfern, etwa Vertriebenen zuzuwenden. Guido Knopp, als Zeitgeschichte-Chef im ZDF für "Die große Flucht" verantwortlicher Produzent, drückt sich im Presse-Interview klar aus: "Hätten wir das Thema vor zehn Jahren präsentiert, wären wir in den Streit der politischen Lager geraten."

Politische Parteien sollten darauf verzichten, die Vertriebenen zu vereinnahmen. Die Sekundärausbeutung der Opfer durch Parteien oder Staaten festigt Feindbilder, statt sie aufzulösen. So würde eine Denkweise, die zu Opfern führt, verlängert statt beendet. Gerade Österreich sollte auf moralische Rechthaberei gegenüber den ost- und mitteleuropäischen Ländern verzichten. Für Triumphalismus, mit den vertriebenen Deutschen an der Seite einen historischen Punktesieg über Tschechien zu landen, ist kein Platz. Dafür sollte sich die tschechische Regierung zu Wort melden, um ihrerseits mit einem klaren Wort zur Täterschaft den Weg dorthin zu ebnen, wo sie ein Ziel sieht:
In der Mitgliedschaft zur Europäischen Union, die sich gerne als Wertegemeinschaft versteht.

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