WirtschaftsBlatt-Kommentar: Die Meisterprüfung steht Grasser noch bevor - von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Laut und kräftig haben alle applaudiert, als der neue Finanzminister die weitere Verschuldung des Staatshaushaltes stoppte. Auch wenn das Nulldefizit nicht, wie versprochen, hauptsächlich durch eine Ausgabensenkung erzielt wurde - es gilt als Meisterstück Karl-Heinz Grassers. Angesichts der Spekulationen über den Abgang des Finanzministers in die Privatwirtschaft reduziert sich dieses "Meisterstück" im Stellenwert allerdings eher auf die simple 100-EURO-Eingangsfrage bei Barbara Stöckls "Millionen-Show". Grassers Zwickmühle: Jörg Haider hat eine Steuerreform mit kräftigen Entlastungen bestellt. Gleichzeitig brechen, wie vom WirtschaftsBlatt berichtet, die Steuereinnahmen weg. So sehen Feuertaufen aus.

Bei seinem Kampf gegen die Budgetschulden hat Grasser vor allem mit Nullen zu tun, jetzt muss er gegen Parteifreunde antreten. Auch unter ihnen sind einige Nullen, die für Grasser sogar gefährlicher werden könnten als die im Staatsbudget. Verschärfend kommt hinzu, dass bei der Krisensitzung der Freiheitlichen am vergangenen Sonntag ein Irrtum passierte. Statt einer Generalvollmacht wurde
dort offensichtlich eine Lizenz zum Töten ausgestellt. Erst traf es Monika Forstinger, jetzt wird auf Grasser angelegt. So sieht also Haiders Rückzug aus der Bundespolitik aus.

Das Gerücht, Grasser würde an die Spitze des Billa-Konzerns wechseln und der Kärntner Raiffeisen-Chef Klaus Pekarek - zufällig ein enger Haider -Vertrauter - werde sein Nachfolger, ist in mehreren Redaktionen angekommen, wurde aber nicht überall gleich ernst genommen. Zwar ist das von Grasser angestrengte Kartellverfahren gegen die Maximarkt-Übernahme durch den Billa-Erzrivalen Spar tatsächlich überraschend. Daraus aber zu konstruieren, der Finanzminister habe sich durch diese Haltung gleichsam für den Billa-Job beworben, ist kühn. Auch wenn es sich um Politiker handelt, sollte man nicht automatisch vom Schlimmsten ausgehen.

Grasser zu Billa, Pekarek als Finanzminister - die Botschaft ist klar: So wie die Chinesen-Mafia ihren Feinden per Brief wortlos die seidene Schnur als Aufforderung zum Selbstmord zu schicken pflegt, wird hier wortreich via Medien an Grassers Standfestigkeit gerüttelt. Für eine Steuerreform mit Maß ist das keine gute Voraussetzung. Sicher ist nur: Die eigentliche Meisterprüfung steht Karl-Heinz Grasser noch bevor.

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