"Die Presse" Kommentar:"Slobos Show für Serbien" (von Wieland Schneider) Ausgabe: 20.2.2002

Wien (OTS) Er ist zurück auf den Fernsehschirmen. Er hält erneut politische
Monologe: vor Serbien und der ganzen Welt. Zwar agiert Slobodan Milosevic nicht mehr vom jugoslawischen Präsidentensessel aus, sondern von der Anklagebank des UN-Tribunals in Den Haag. Der Populist weiß aber nach wie vor, wie man Emotionen schürt und an Fakten so lange feilt, bis sie genau in seine Interpretation der "Wahrheit" hineinpassen.
Dabei bedient er sich seiner altbewährten Propaganda-Methode: Schuld sind demnach alle anderen, nur nicht er selbst. Ursache allen Übels ist eine gigantische Verschwörung gegen Serbien und gegen ihn, den einzigen "Schutzherren" der Serben.
Schuld am blutigen Zerfall Jugoslawiens sind die machthungrigen Westmächte. Er, der gezielt den Ungeist des Nationalismus aus der Giftflasche befreit hat, ist daran natürlich "völlig unschuldig". Mit den Verbrechen in Bosnien will das Unschuldslamm schon gar nichts zu tun haben: Er habe ja den 1992 von Ostbosnien nach Serbien vertriebenen Bosniaken kein Haar gekrümmt und sie nach Ungarn ausreisen lassen. Daß die Paramilitärs, die diese Menschen zuvor vertrieben hatten, aus Serbien kamen und von jugoslawischer Artillerie unterstützt wurden, verschweigt er großzügig.
Eigene Verbrechen versucht Milosevic mit der Aufzählung tatsächlicher und angeblicher Verbrechen der anderen Kriegsparteien zu relativieren. Als ob ein Mörder seiner Verurteilung entgehen könnte, indem er vor Gericht auf die Untaten anderer, noch frei herumlaufender Mörder verweist.
Hier wird auch klar, daß es Milosevic primär gar nicht um die Entkräftung der Vorwürfe gegen ihn geht. Er, der trotz bester Englischkenntnisse vor dem Tribunal nur Serbisch spricht, nützt seinen Auftritt vielmehr für einen letzten Propagandafeldzug zur Wiedereroberung der Herzen der Serben. Erste Erfolge erzielte er nun bei Jugoslawiens Präsidenten Vojislav Kostunica.
Das Tribunal muß Milosevic gewähren lassen. In einem fairen Prozeß muß sich der Angeklagte umfassend verteidigen dürfen. Die Ankläger müssen aber noch mehr als bisher danach trachten, ihn mit handfesten Beweisen zu überführen.

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