"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Selbstzerstörungstrieb" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 17.2.2002

Graz (OTS) - Ist es noch ein Schauspiel der Politik oder schon
ein Drama der Psyche? Derzeit weiß man nicht, ob der angekündigte Rückzug des Kärntner Landeshauptmanns an den Wörthersee tatsächlich den endgültigen Abschied von der politischen Bühne bedeutet, doch sind die sich überstürzenden Ereignisse der letzten Tage und Stunden mit den Maßstäben der Vernunft nicht zu erklären.

Wie ein Besessener schlug Jörg Haider um sich. Die persönlichen Verunglimpfungen des Verfassungsgerichtshofpräsidenten, die vorsätzliche Verhöhnung des Rechtsstaates, die maßlose Kampagne gegen Temelin und Tschechien, die primitiven Pöbeleien beim Aschermittwoch in Ried, die irrwitzige Reise zu Saddam Hussein
nach Bagdad. Überall witterte Haider nur Feinde und Verräter.
Die seelischen Anspannungen und körperlichen Anstrengungen hinterließen immer tiefere Spuren in seinem Gesicht.

Gehetzt und gezeichnet warf er alles hin: "Ich bin schon weg", sagte Haider mit einer grimmigen Entschlossenheit, die den Eindruck erweckte, dass es diesmal sein bitterer Ernst ist.

Doch so leicht ist es nicht, Schluss zu machen. Die Scherben liegen weit verstreut. In einem geradezu zwanghaften Trieb zur Selbstvernichtung war Haider dabei, auch das zu zerstören,
was er mit rastlosem Einsatz selbst aufgebaut hat.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Druckwelle der Detonation den wahrscheinlich innigsten Bewunderer und lange treuesten Diener seines Herrn den Kopf kosten könnte. Es war Klubobmann Peter Westenthaler, der an den Schöpfer der Partei appellierte, seine Geschöpfe von der Leine zu lassen und den "Baumeistern", die er eingesetzt hat, Gelegenheit zu geben,
seinen "Architektenplan" umzusetzen.

Wann der Bruch zwischen dem Meister und seinem Schüler erfolgte, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich war es eine schleichende Entfremdung, weil Westenthaler im Spannungsfeld zwischen Regierungszwängen und Oppositionsgelüsten aufgerieben wurde.

Dieses Dilemma versuchte die FPÖ durch eine Doppelstrategie zu bewältigen. Der Spagat war aber nicht durchzuhalten.
Die Minister genossen das Regieren, die Funktionäre sehnten sich nach der Opposition. Haider hat die FPÖ durch eine populistische und radikale Oppositionspolitik von weniger als fünf auf über
25 Prozent geführt. Mit dem Wechsel zur Regierungspartei begann
der Abstieg. Die Angst, unter 20 Prozent abzusacken, griff um sich. Haider glaubte, das Ruder herumreißen zu müssen.

Im ersten Jahr der schwarz-blauen Ehe fiel der Geburtsfehler nicht auf, weil sich die Koalition gegen die Sanktionen
wehren musste und die rot-grüne Opposition durch den nationalen Schulterschluss gelähmt war.

Kaum aber war der Druck von außen vorbei, brachen die Krämpfe in immer kürzeren Abständen und immer heftigeren Schüben aus.
Die ÖVP konnte nicht viel tun außer stumm und besorgt dem Treiben zuzuschauen, doch kann auch die aufreizende Gelassenheit Wolfgang Schüssels nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Regierung nach nur zwei Jahren den Todeskeim in sich trägt. ****

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