"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Verbrannte Erde" (von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 16.02.2002

Schwarzach (OTS) - Genie und Wahnsinn liegen oft eng beisammen -
in der Politik, in der Kultur und manchmal auch in der Wirtschaft. Beim demonstrativen Händedruck Jörg Haiders mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein ist diese Grenze so eindeutig überschritten worden, dass selbst altgediente freiheitliche Recken den Kopf geschüttelt und ihm die Gefolgschaft verweigert haben.

Das kann ein Haider nicht akzeptieren, und deshalb hat er der Bundespartei gestern Abend auch alles hingeschmissen. Mehr noch: Er hat seine "Freunde" unter den Regierungsmitgliedern aufgefordert, es ihm gleich zu tun und zurück zu treten.

Das ist die klassische Reaktion eines Mannes, der die Verweigerung öffentlicher Beachtung nicht ertragen kann. Jörg Haider hat Zeit seines politischen Lebens nach der Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit gegiert. Psychologen klassifizieren das als Narzissmus. Wer darunter leidet, braucht immer neue und immer stärkere Quellen zur Selbstbestätigung und kennt nur Freund oder Feind.

Es entspricht dieser psychischen Verfassung, dass Jörg Haider jetzt alles tut, um beim überraschenden Abschied aus der Bundespolitik ein Feld verbrannter Erde zu hinterlassen. Der Landeshauptmann von Kärnten weiß, dass er den Gipfel seiner politischen Karriere nicht nur längst erreicht, sondern ihn mit der demonstrativen Reise in den Irak klar überschritten hat.

Der Besuch bei Saddam Hussein war völlig irrational und nur durch das psychologische Phänomen des Narzissmus zu erklären. Die Sympathien der österreichischen Bevölkerung für den Schlächter von Bagdad halten sich in engsten Grenzen, bringen also keine Wählerstimmen; einen Gesinnungswandel auf dem internationalen Parkett kann Haider nicht ernsthaft erhofft haben, und das Gefasel von der humanitären Hilfe entlarvt sich selbst. Um ein paar Filter für Geräte zur Blutwäsche und Medikamente zur Krebsbehandlung zu spenden, bedarf es keines persönlichen Besuchs bei Saddam Hussein.

Im Unterbewusstsein scheint Haider schon länger Zweifel an seiner Strahlkraft gehegt zu haben. "Bestenfalls noch eine weitere Periode" wolle er Landeshauptmann bleiben, hat der einstige FP-Chef kürzlich im Gespräch mit Journalisten gemurmelt. Hinterlässt er bei seinem Abschied aus der Politik ein Chaos, so bleibt ihm wenigstens dieser Triumph: Der Höhenflug der FPÖ wäre ein für allemal und ausschließlich mit seiner Person verbunden.

Meint Jörg Haider den Abschied aus der (Bundes-)Politik Ernst, dann werden die Karten völlig neu gemischt. Eine FPÖ ohne ihr prominentestes "einfaches Parteimitglied" wäre zwar ein attraktiver Koalitionspartner, aber für Protestwähler um einiges weniger anziehend. Von den angestrebten 25 Prozent der Wählerstimmen müssten sich die Freiheitlichen dann verabschieden. Und Wolfgang Schüssel wäre gelungen, was er sich vorgenommen hat: Jörg Haider nicht durch wilde Attacken oder Ausgrenzung, sondern durch sanfte politische Umarmung vom Mittelpunkt der Innenpolitik ins Out zu drängen.

Noch bleiben freilich tiefe und begründete Zweifel, ob Haider nicht schon demnächst wieder in sicherer Entfernung von jeder bundespolitischen Verantwortung mit lauten Zwischenrufen aus Kärnten Aufsehen erregen wird. Der Rücktritt war nach den Attacken gegen Höchstgerichte und ebenso unablässigen wie unnötigen persönlichen Beflegelungen von in- und ausländischen Politikern die einzige noch denkbare Steigerungsform zur Erlangung medialer Aufmerksamkeit.

Viel wird jetzt darauf ankommen, wie seine Parteifreunde reagieren. Finanzminister Grasser und Klubobmann Westenthaler haben mit ihren distanzierten Aussagen zur Haider-Reise ihren Ex-Chef nicht nur zum Rücktritt provoziert, sondern auch den Weg in eine politisch attraktive FP-Zukunft vorgezeichnet.

Es braucht in Österreich eine liberale Partei, daran kann kein Zweifel bestehen. Auch wenn sie die Wahlerfolge der jetzigen FPÖ nicht wiederholen kann, würde sie als Zünglein an der Waage eine wichtige politische Rolle spielen.

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