"Die Presse" Kommentar: "Kultur des Lachens" (von Gudula Walterskirchen)

Ausgabe vom 12.2.2002

Wien (OTS) Bald können sie wieder aufatmen: Die standhaften Verweigerer der in
diesen Tagen zum gesellschaftlichen Zwang mutierenden, durch den Kalender vorgeschriebenen allgemeinen Lustigkeit. Faschingsumzüge, Kostümfeste, bepappnaste Verkäuferinnen, Papierschlangen selbst in den Amtsstuben - es herrscht eindeutig die närrische Zeit. Die Frage, ob es nach dem 11. September überhaupt noch legitim sei, zu lachen und sich zu unterhalten, stellt sich dabei nicht einmal. Aber nicht wenige sind offensichtlich heilfroh, wenn sie wieder vorbei ist.
Dennoch ist der Fasching hierzulande ein medialer Quotenrenner: Zwei Millionen Österreicher wollen Jahr für Jahr die Polit-Parodien des Villacher Faschings nicht versäumen. Dabei handelt es sich um mehr oder wenig gelungene Scherzchen und Parodien über den politischen Alltag. Und die Politiker werden nicht nur parodiert, sie müssen auch noch mitlachen. Dieses Paradoxon ist mittlerweile fixer Bestandteil des Pflichtprogramms für Spitzenpolitiker geworden. Aber wehe, man kommt nicht vor - ein noch härterer Schlag, als über sich selbst lachen zu müssen.
Im Gegensatz etwa zu unseren deutschen Nachbarn jagt hierzulande aber nicht eine Übertragung einer Faschingssitzung die andere. Es werden keine Krawatten abgeschnitten und es ist (noch) nicht Pflicht, sich am Faschingsdienstag ausschließlich kostümiert auf die Straße zu begeben. Der Fasching findet, vor allem in Wien, unkostümiert statt. Mit den Nobelbällen ist das schwierige Kunststück gelungen, Lustigkeit und Faschingslaune im Großen und Ganzen ohne Peinlichkeit für die Akteure zu ermöglichen. Dieses Bedürfnis dürfte man auch anderswo verspüren: Die Wiener Bälle, allen voran der Opernball, sind einer der Exportschlager Österreichs. Auch wenn es meist nicht ganz gelingt, mit der Atmosphäre und dem Stil des Originals mitzuhalten. Der Zustrom zu den "originalen" Veranstaltungen in Wien wächst von Jahr zu Jahr. Und der Fasching wird damit immer mehr zum Wirtschaftsfaktor. Zur Ballsaison sind die Hotels der Bundeshauptstadt restlos ausgebucht. Der Stellenwert der Ballkultur ist allein schon an der außerordentlichen Berichterstattung erkennbar: In welchem Land sonst dominiert ein Ball in den Tageszeitungen so selbstverständlich die Titelseiten?
Aber auch diese Form der Unterhaltung hat eine politische Note: Es zählt zum Pflichtprogramm der Regierungsmitglieder, jährlich einen Ball-Marathon auf sich zu nehmen. Dabei steht man unter genauer Beobachtung, besonders beim offiziellen "Staatsball". Da sorgt etwa die Frage für tagelangen Gesprächsstoff, warum das Staatsoberhaupt und dessen Gattin heuer mit so eisiger Miene das Ballgeschehen beobachteten, als ob sie eine Regierung anzugeloben hätten. Politische Brisanz besaß die Gästeliste im Sanktionsjahr 2000, auf der keine ausländischen Staatsgäste zu finden waren. Dieses demonstrative Fernbleiben just beim schönsten Fest des Landes kränkte die Nation in besonderer Weise. Seit wieder mit ausländischen Regierungskollegen gelacht werden darf, ist die Faschingswelt wieder in Ordnung. So wie die Ballkultur ein Rest und Abglanz der k.u.k.-Zeit, sind auch jene Mahner, wie man sich "in Zeiten wie diesen" vergnügen könne, ein Relikt: Der Anti-Opernball-Demo haftet mittlerweile der leicht modrige Geruch von Klassenkampf an.
In Kürze können wir aufatmen, bald ist der Fasching vorbei. Das Lachen ist dann wieder eine individuelle Angelegenheit und unterliegt nicht mehr dem Gruppendruck. Für die Politik gibt es aber keine Atempause: Der Wähler will schließlich unterhalten werden. Für manchen Politiker ist daher das ganze Jahr über Fasching, selbst am Aschermittwoch. In der Turnhalle zu Ried im Innkreis soll's ja besonders lustig sein . . .

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