"Kleine Zeitung" Kommentar: "Vom Mut zur Freiheit" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 10.2.2002

Graz (OTS) - Monika Lindner strahlte. Die neue Generaldirektorin
des ORF hatte soeben ihr "Dreamteam" durchgebracht. Der Stiftungsrat genehmigte ihren Vorschlag zur Besetzung der Führungspositionen mit 34:1. Die einsame Gegenstimme war wie ein Adelsprädikat. Einstimmigkeit hätte den Geruch der Packelei im Hinterzimmer gehabt.

Dennoch war das Votum das Resultat von Vorabmachungen. Die erste Frau an der größten Medienorgel des Landes erwies sich als erfahrene Handwerkerin der Macht. Sollte das Führungsteam wirklich ihren Träumen entsprechen, dann sind ihre Träume ohne Fantasie. Das Traumteam entspricht nicht nur der Realität, sondern auch dem Proporz der Realverfassung.

Was heißt das?

Der ORF ist eine der wenigen Institutionen, in denen der Föderalismus überdimensioniert abgebildet ist. Man denke nur an den Bundesrat, der neben dem Nationalrat ein Schattendasein fristet. Der Rundfunk gehört hingegen nicht nur dem Bund allein, sondern ebenso den Ländern. Wollte man aus dem ORF eine Aktiengesellschaft machen, gäbe es Streit um die Anteile. Diesem Konflikt ging man aus dem Weg, indem allen neun Bundesländern jeweils ein Sitz im Stiftungsrat eingeräumt wurde.

Das bewirkt nicht nur Bodenständigkeit, sondern auch Beharrlichkeit. In der Geschichte der Zweiten Republik hat es nur zwei Bundesländer gegeben, in denen es einen Wechsel an der Spitze gegeben hat: im Burgenland und in Kärnten. Der Umsturz im Burgenland erfolgte bereits vor der Erfindung des Fernsehens; die Unruhe aus Kärnten ist jüngeren Datums und nicht nur deswegen heftiger. Es war kein Zufall, dass die Wahl Lindners von den Launen des Landeshauptmannes am Wörthersee abhing.

In der Führungsmannschaft bilden sich diese Kräfteverhältnisse ab. Die neue Generaldirektorin war selbst Landesintendantin, auch ihre wichtigsten Mitarbeiter kommen aus den Landesstudios. Dahinter steckte Solidarität und Kalkül. Lindner schnürte ein Paket, mit dem alle Parteien leben können. Sie vertraute auf biedere Hausmannskost und verzichtete auf glitzernden Starkult.

Ob das Rezept dem Publikum mundet, wird sich beim Programm zeigen.

In einem Punkt kann die neue Generaldirektorin aber nicht so weiter machen wie in den ersten Wochen seit ihrer Bestellung. Lindner erweckte den Eindruck, gegenüber politischen Erpressungsversuchen noch nachgiebiger zu sein als ihr Vorgänger, was den keineswegs zahnlosen Ex-"Tiger" Gerd Bacher namens des "Weisenrats" zur Warnung veranlasste: "Der ORF ist so unabhängig, wie er sich angeblichen Machthabern gegenüber verhält, die im Rundfunkgesetz nicht legitimiert sind."

Gemeint war Peter Westenthaler und dessen penetrante Interventionen. Angesprochen war aber Monika Lindner, die zu Attacken und Aggressionen geschwiegen hat. Die Feldherrin muss sich vor ihre angegriffene Truppe stellen - gegen wen auch immer.

Zur Freiheit gehört Mut. Nur das macht Eindruck. Sonst trifft noch das Sprichwort zu: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.****

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