DER STANDARD-Bericht: Zerfetzte Fahne im Gefallwind

Olympische Spiele, die Wettkämpfe der TV-Sender mit angeschlossenen Nationen (von Johann Skocek)

Wien (OTS) - Die Olympischen Winterspiele werden am Tag nach dem Wiener Opernball eröffnet. Zufall? Wenn der Opernball eine der letzten Enklaven der politisch-medial Überschätzten ist, dann sind die Spiele das Reservat der überschätzten Nationalsportler.

Nicht dass die Eberharters, Trinkls und Dorfmeisters und, no na, Maiers von schlechten Eltern wären. Skirennfahren verlangt eine Meisterschaft der Körperbeherrschung, die einen größeren Wirkungskreis verdient hätte als den bloß alpinen mit Exklaven in Skandinavien und Slowenien. Denn in den USA interessiert bloß ein mit 120 km/h fliegender, unsterblicher Olympiasieger.

Die Sportler in ihrer untadeligen Sportlichkeit gelten freilich auch als Stifter des "inneren Staatsbildungsprozesses", und das lange vor dem Sponsordeal des Österreichischen Skiverbandes mit der Österreich Werbung. Toni Sailer, der integrierende Held des "Wiederaufbaus" nach 1945, die von Deutschland emanzipierende Großtat des 3:2 von Córdoba, der lächelnde Grenzgänger Franz Klammer, der tapfer lächelnde, das Land gegen die olympische Einmischung von außen einende Antiheld Karl Schranz werden als Belege angeführt. Heute braucht das Land angesichts der intellektuellen Hilflosigkeit seiner politischen Führung körperbetonte Helden dringender denn je. Doch mit jedem Jubel über den Sieg eines der unseren über die vielen anderen wird der Zweifel stärker, hier könnte es sich um ein abgefeimtes Ablenkungsmanöver handeln.

In einer pathetisch-patriotischen Szene der anderen bündelt sich die Nutznießerei des Sports durch Österreich. Gestern Nacht trugen acht US-Sportler die zerfetzte Fahne von "Ground Zero", die einst auf dem World Trade Center wehte, während der Eröffnungsfeier der Spiele ins Stadion und legten sie dem mächtigsten Mann der Welt, George W. Bush, zu Füßen. Anschließend wurde das Tuch nicht wieder dem wirklichen Wind ausgesetzt, sondern für die nationale, moralische Introspektion aufbewahrt. Die Scheintrennung von Sport und Politik ist öffentlich aufgehoben, indem ein Sektor zum Diener des anderen gemacht wird.

Damit enden die Gemeinsamkeiten. Die USA beherrscht ein tatmächtiges Nationalbewusstsein, dort treiben echte Politiker echte Politik. Wenn sie nationale Symbole anhimmeln, dann im Bewusstsein, eine symbolische Handlung zu setzen.

In Österreich bleiben Konflikte und Lösungen nicht nur im Symbolischen stecken, man gibt vor, das seien die echten Handlungen. Aber stellt ein dümmliches Volksbegehren über die Atomkraft und gegen die Osterweiterung nicht ein historisch "folgerichtiges" Mittel in einem Land dar, dem das Berufsbild des Ingenieurs jahrzehntelang als Schutzheiliger gegen die Gefahren der Modernität galt?

Wen wundert das Geschwurbel über die Stromversorgung - hie "Ausverkauf des Wassers", da die Vergötzung von "Liberalisierung und Privatisierung" - in einem Land, dem das Kraftwerk Kaprun als Kathedrale des elektrifizierten Österreich galt und das sich so am eigenen Strom aus der Existenzangst nach '45 zog?

Eine der Thesen, die den Amtsantritt der Wenderegierung begleiteten, behauptete die quasi reflexhaft einsetzende "Politisierung" der Österreicher. Nichts liegt einem Land ferner, das von Sportlern, Medien und Politikern in einem Selbstbild aus frömmelnder Modernitätsangst und patriotischem Wertekonservativismus bestätigt wird.

Die USA beziehen wesentliche Werte aus der Mythologie des Go West, in Österreich heißt das "auffi muaß i!" Vereinigende Werte werden meist in der Bewährung in den moralischen und räumlichen Grenzregionen gewonnen.

Heute geschieht das im televisionären Unterwerfen der sportlichen Gegner. Das Elend und die Schönheit des österreichischen Nationalismus ist, dass er sich mit einer Scheinwirklichkeit zufrieden gibt, die international wettbewerbsfähig ist. Eine kleine Feigheit oder eine große zivilisatorische Leistung? Das müssen die anderen beurteilen.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70 - 428

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS