Pressestimmen/Vorausmeldung/Politik "Neue Kärntner Tageszeitung" - Kommentar: Wende des Unbewussten

Ausgabe vom 8. Febr. 2002 Klagenfurt (OTS) - Wende des Unbewussten - Schlagzeilen haben es oft schwer: Der schnelle Zeit-Atem weht sie aus Gedächtnis und Bewusstsein. Auf Österreich bezogen: Unsinnigkeiten wie Hump, Dump, Trunk, der Opernball oder atemberaubend unwesentliche Müßiggänge der Spaßgesellschaft erreichen Aufmerksamkeit zum Nachteil ernster Dinge. Oberflächen begraben Wichtiges. Demzufolge sind Zeitungsaufmacher und ORF-Meldungen zu Arbeitslosigkeit, Horrorsteuern oder sozialem Abschwung kurzlebig: Gestern noch überflogen, gehört, erachten sie viele Leute heute als Schnee von vorgestern. Auswahl der jüngsten Schlagzeilen: "Ambulanzgebühr Flop des Jahres", "Vorsicht vor Tücken des Kindergeldes!", "Arbeitslosigkeit erreicht Schallmauer", "Bis 14. Juni arbeiten wir fürs Finanzamt!" Unangenehmes also. Die Spitzen dieser Bundesregierung werden sich ob der grauslichen Meldungen allerdings nicht die Pulsadern aufbeißen. Im Gegenteil: Kanzler Schüssel vertritt lauthals die Meinung, Österreich stünde besser da als vor zwei Jahren. Und gestern ließ sich das Duo Haider/Dörfler vom Regierungspressedienst feiern: "Kärnten war und ist weiter Vorreiter in der Familienpolitik", hieß es als Antwort auf eine aus Benachteiligtenkreisen heranschwappende Beschwerdeflut. Dass Bundesregierung, Haider & Co. den Regierten ein Opfer nach dem anderen abverlangen und trotzdem noch Befürworter haben, zählt zu den Gegenwartsphänomina. Woraus der Schluss zu ziehen ist: Die Abneigung gegen die Situation vor zwei Jahren muss grenzenlos gewesen sein. Die so genannte Wende, sie wurde nicht korrekt herbeiargumentiert, sondern wild herangerafft. Was rot leuchtete oder bloß rötlich schimmerte, war relativ plötzlich abbruchreif. Warum nun? Eine Antwort hat der von Stalin gemordete Ökonom Nikolai Kondratieff 1926 mit seiner Schrift über "Die langen Wellen der Konjunktur" vorgelegt. Kondratieff wies nach, dass es aufgrund technischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Wechselwirkung alle 40 bis 60 Jahre zu grundlegender Denkänderung kommt, wenige Innovationen Wende-Erscheinungen auslösen, die die Gesellschaft selbst auf die Gefahr hin akzeptiert, massenhaft Verlierer zu erzeugen. Jede dieser Wellen wirbelt Gesichertes durcheinander, neue Arbeitsformen, Lebensweisen, Ansichten und Konsumformen entstehen. Der Zyklus lässt sich heute empirisch nachweisen. Aufstieg und Abstieg der Konjunktur sowie des Denkens wechseln einander in ziemlich genau zu definierenden Abständen ab. "Starke" Politiker bedienen sich dieser Szenarienbildung ebenso unbewusst, wie sich ihr die meisten "Untertanen" nicht zu entziehen vermögen.

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