Das Libro-Desaster hat viele Väter von Martin Fellhuber

WirtschaftsBlatt-Kommentar

Wien (OTS) - Mit dem Gutachten über den Pleite-Konzern Libro ist das Desaster um die Handelskette quasi amtlich: Misswirtschaft, Verschleppung des Konkurses, Verbuchen fiktiver Gutschriften - mit diesen und ähnlichen Vorwürfen muss sich jetzt das Gericht befassen.

Mister Libro, André M. Rettberg, steht die längste Zeit am Pranger. Er habe den Aufsichtsrat zu spät über die wirtschaftliche Schräglage des Unternehmens informiert, sich bei der Expansion gründlich verspekuliert. Der Buchhändler Rettberg schoss, von anfänglichen Erfolgen getrieben, weit über das Ziel hinaus.

Mr. Libro wollte nicht mehr der Chef einer Buch- und Papierhandelskette sein, sondern eine Tainment-Company leiten, was auch immer das sein soll. Seine charismatische Art hat es ihm leicht gemacht, die dafür nötige Unterstützung zu bekommen. Kritische Fragen wurden vom Tisch gewischt.

Das Wunder Libro hat aber nicht nur einen Vater: Rettberg konnte mit einer breiten Basis willfähriger Unterstützer seiner hochtrabenden Pläne rechnen. Der Wiener Aktienmarkt freute sich über die Belebung, die Aktionäre über ein bekanntes Unternehmen - wobei sie zu wissen glaubten, was dort gemacht wird. Nicht zuletzt ist eine gehörige Portion Selbstkritik angebracht: So freuten sich auch die Medien über einen Senkrechtstarter namens Rettberg. Nach dem Motto "Die gute Nachricht ist die bessere" wurde Mr. Libro von den meisten Medien in den Himmel gelobt. Allen, egal, ob Aktionären, Aufsichtsräten, Medien, fehlte die Einsicht.

Woran es vor allem mangelte, war die Einsicht in die Bücher. Wer jedoch den Einblick hatte, waren die Wirtschaftsprüfer. KPMG bewertete Libro vor dem Börsegang zu grosszügig, Arthur Andersen sah laut Gutachter Andreas Staribacher bei der "kreativen Buchführung" zu, als Mister Libro die schwer defizitäre Lion.cc aus der Bilanz genommen und damit das Ergebnis noch einmal gerettet hat. Was allen fehlte, war die Einsicht, dem Treiben entgegenzuwirken. In dem Gutachten über den Pleite-Konzern gibt es Punkte, die sowohl straf-als auch zivilrechtlich relevant sein können. Mister Libro sowie der eine oder andere Manager werden sich wahrscheinlich vor Gericht verantworten müssen.

Kaum zum Handkuss kommen jene, die Rettberg unbeschwert schalten und walten liessen oder ihn bis zuletzt unterstützten. (Schluss) mf

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