DER STANDARD-Bericht: "Arbeitszeitverkürzung für Schüler" - Erscheinungstag 6.2.2002

Wien (ots) - Mehr Fächer-Wahlfreiheit in der Oberstufe, weniger Belastung durch Hausübungen, Entrümpelung der Lehrpläne: Das sind die gleich lautenden Forderungen der zwei stärksten Schülerorganisationen. der Standard befragte ihre Vorsitzenden nach Reformwünschen. - Martina Salomon

"Es wird zu viel Stoff reingepresst - vor allem in die Oberstufe", sagt Niki Kowall, Bundessprecher der SP-nahen "Aktion Kritischer Schüler" (die derzeit eine leichte Mehrheit an den Schulen besitzt). Sein "schwarzes" Gegenüber, Rita Sommersguter-Maierhofer von der Schülerunion, ist ähnlicher Meinung. Sie fände eine Stundentafelkürzung samt Verringerung des Unterrichtsstoffes diskutabel.

Der Lehrplan müsse entrümpelt werden, meint auch der 19-jährige Kowall, der letztes Jahr an einem niederösterreichischen Gymnasium maturiert hat. Ein Beispiel? Etwa die Geologie. Ihr werde in Biologie und in Geographie zu breiter Raum gewidmet. Besser wäre es, wenn Interessierte dieses Fachgebiet in der Oberstufe je nach Interesse wählen könnten. Wie Kowall überhaupt ein Kurssystem fordert (dem man im Bildungsressort, das gerade an einer Oberstufenreform bastelt, eher skeptisch gegenübersteht). Er selbst hätte sich bei einer Wahlmöglichkeit für mehr Geschichte entschieden, meint der AKS-Chef rückblickend. In der Oberstufe sollte seiner Meinung nach nur mehr ein Drittel des Unterrichts Fixstunden, der Rest aber frei wählbar sein.

Als eines der Hauptproblemfächer empfindet Kowall die Mathematik, und die Sinnhaftigkeit von Geometrisch Zeichnen hat sich ihm auch noch nicht erschlossen.

Prinzipiell müsse das Ziel sein, den Stoff in der Schule so zu lernen, dass man daheim nicht (womöglich mit Eltern und Nachhilfelehrer) weiterpauken müsse. Als Negativbeispiel nennt er Mathe- Hausübungen mit Rechnungen, die man in der Schule nie durchgenommen habe.

Was er von einer Arbeitszeitverkürzung für Schüler halte? "Wenn eine Initiative kommt, sind wir die Ersten, die das unterstützen." Warum man da nicht selbst Vorreiter spielen will, erklärt Kowall mit noch wichtigeren Anliegen: etwa, dass das Schulwesen in Zukunft nicht privatisiert werde. Die Schulautonomie mit der Möglichkeit, Sponsoringgelder zu lukrieren, habe ein Ventil geöffnet, das zu amerikanischen Zuständen mit reichen und armen Schulen führen könne.

Und grundsätzlich? Da hält er an der alten (und durch die neue OECD-Studie Pisa wieder aktualisierten) Ideologie der Gesamtschule für Zehn- bis 14-Jährige fest. Doch an diesem Punkt scheiden sich auch bei den Jungfunktionären die Geister. Die 22-jährige Sommersguter, seit Jänner Frontfrau der Schülerunion, hält davon nichts. Denn man müsste auch in einer Gesamtschule differenzieren, und die jetzige Hauptschule biete Lernschwachen bessere Förderungen durch Zusatzlehrer.

Ansonsten wünscht sich auch Sommersguter, die an einer BHMS für Kindergartenpädagogik in Graz maturiert hat, ein Kurssystem, wenn auch nicht ganz so radikal wie Kowall: 50 Prozent der Fächer sollten individuell wählbar sein. Ältere Schüler müssten manche Gebiete auch durch Seminararbeiten statt mittels Stubenhocken in der Klasse erledigen können.

Grundsätzlich wäre es besser, wenn die Schule mehr "Wissensmanagement" vermitteln würde, was konkret bedeuten würde:
"Wie besorge ich Wissen, wie verarbeite ich es, wie filtere ich Unwichtiges aus." Hingegen wäre es nicht so bedeutsam, in Geographie die genauen Höhen aller Berggipfel auswendig zu wissen.

Zudem müsse den Schülern besser vermittelt werden, wofür das Fachwissen später überhaupt brauchbar sei. Besonders in Gymnasien werde der Lehrstoff zu abstrakt unterrichtet, findet die Schülerunion-Chefin. Darüber hinaus sollte Informatik früher eingerichtet werden. In diesem Punkt hat das Bildungsressort bereits Bewegung angedeutet.

Problemfächer gibt es in den Augen Sommersguters allerdings nicht, "nur Problemlehrer". Der Lehrerbildung müsste größeres Augenmerk geschenkt werden. Lediglich "zehn bis 20 Prozent" der Pädagogen seien "wirklich sehr gut". 40 Prozent hätten dringenden didaktisch-pädagogischen Nachholbedarf.

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