"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der Globalisierer" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 5. 2. 2002

Innsbruck (OTS) - Wenn Harry Potter in die Jahre kommt, wird er aussehen wie Bill Gates. Der reichste Mann der Welt wirkt wie ein gealterter Zauberlehrling. Sein ewig bubihaftes Erscheinungsbild verführt zu grober Unterschätzung. Doch der 46-Jährige ist der Mister Globalisierung schlechthin. Bill Gates wurde in 20 Jahren zum realen Dagobert Duck. Sein Glückstaler heißt Windows. Neun Zehntel aller Computer haben dieses Betriebssystem. Die moderne Gesellschaft funktioniert nach dem Strickmuster des unscheinbaren Tüftlers aus Seattle.

Sein Privatvermögen ist auch nach der Geldvernichtung an den Technologiebörsen größer als Österreichs Staatshaushalt. Der Umsatz von Gates' Firma Microsoft liegt deutlich über dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Slowenien oder Kroatien. Sie ist das Musterbeispiel für den Vorrangverlust von Politik gegenüber Wirtschaft.

Der Hauptaktionär wirkt als prototypisches Feindbild aller Globalisierungsgegner. Organisationen wie Attac geißeln plakativ, das Vermögen der drei reichsten Männer der Erde sei höher als das BIP der 48 ärmsten Staaten.

Der unaufhaltsame Aufstieg des Bill Gates zeigt die Grenzen des Wettbewerbs. Seine Fähigkeit zur Selbstregulierung ist beschränkt. Ab einer bestimmten Größe sind Monopole kaum noch zu bremsen und diktieren den Markt. Dann hat der Konsument keine Wahl mehr.

Microsoft dominiert die Schlüsseltechnologie jeden Fortschritts:
Es bestimmt, wie wir Informationen verarbeiten, vermitteln und austauschen. Deshalb versucht eine seltene Allianz aus Obrigkeitskritikern und Behörden, den Konzern zu zerschlagen bzw. zu entmachten.

All diese Versuche scheitern seit Jahren. Gerichte und Anwälte verhandeln, entscheiden und berufen. Bill Gates baut unterdessen seine Vormachtstellung aus. Auch das Kartellrecht der USA konnte ihn nicht daran hindern.

Der Staat war nicht wachsam genug. Er hat das Tempo der Ökonomie unterschätzt. Doch wenn diese nur noch ihren eigenen Gesetzen gehorchen will, gilt als Antithese: Im Zweifel gegen die Wirtschaft.

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