"Die Presse" - Kommentar: "Zwischen Sucht und Hass" von Andreas Unterberger

Ausgabe vom 26.1.2002

WIEN (OTS). Was für eine Partei ist diese FPÖ eigentlich? Kein Thema erregte die intellektuelle Diskussion der letzten Jahre in Österreich mehr. Keine Frage stellt ein größeres Problem für die heimische Politik dar. In Wahrheit gibt es aber keine klare Antwort. Faktum ist: Bis zum Jahressprung 1999/2000 war die FPÖ mehr als ein Jahrzehnt extrem erfolgreich. Seither erleidet sie bei praktisch allen kleineren Wahlen und Umfragen Rückschläge. Diese Entwicklung hat - mehr als bei anderen Parteien - auch ihr Sein und ihre Identität geprägt. Erfolge dieser Dimension, die weitaus größte Verschiebung der Parteienlandschaft, haben süchtig gemacht. Wie ein gefeierter Bühnenstar will man immer mehr von der Droge Erfolg. Man reagiert, wie in den letzten Monaten viele Firmen reagiert haben:
Wenn die Erfolgsziffern lange kontinuierlich aufwärts gehen, dann hat man psychologisch verlernt, Rückschläge zu verkraften. Dann reagiert man so hektisch auf die (unvermeidlichen) Zacken der Gewinn-oder Umsatzkurven, dass der Schaden für die Firma noch größer wird. Man hat im Lauf der Zeit zu glauben begonnen, dass der Erfolg, der ja
in Wahrheit oft nur ein wankelmütiges Zufallsergebnis ist, das einzige Wesen der Firma, der Partei ausmacht.
Dieser Erfolgssucht hat die FPÖ alle inhaltlichen Identitäten geopfert, für die sie zumindest eine Zeitlang gestanden ist: Als man sah, dass das Erbe des alten deutschnationalen Lagers schrumpft, ist man zu demonstrativem Österreich-Patriotismus gewechselt. Und hat damit die ÖVP angeknabbert. Als man sah, dass die Atom-Hysterie der Grünen diesen Erfolge (in einem von barocker Technikfeindlichkeit geprägten Land wie Österreich) gebracht hat, hat die FPÖ die Kernpositionen ihrer Erbfeinde übernommen. Als die FPÖ sah, dass sie mit den vor den letzten Wahlen aufgeworfenen neoliberalen Ideen die ÖVP nicht wirklich übertrumpfen konnte und dass liberale Reformen anfangs immer unbeliebt sind, ist sie ins andere Extrem gewechselt (und hat die Herren Grasser und Prinzhorn als isolierte Relikte zurückgelassen): Heute steht die FPÖ für ein Nein zu Ladenschluss-und Arbeitszeit-Liberalisierung, für noch mehr Bremsen bei der Gewerbereform, als es die Wirtschaftskammer tut, für ein Njet zu Selbstbehalten im Gesundheitssystem. Mit diesem Strukturkonservativismus greift die FPÖ die alte Identität und Wählerwirksamkeit der SPÖ genau in dem Zeitpunkt heraus, da dort eine Handvoll über liberale Öffnung nachzudenken beginnt. Alles dreht sich, alles bewegt sich - fehlt nur noch, dass die Freiheitlichen zu Neutralitäts-Anhängern werden.
Also auch die Sachanalyse erklärt das Wesen der FPÖ nicht ganz. Ein anderes Erklärungsmuster versucht, die FP-Politik aus den psychischen Phasen Jörg Haiders, als Verkörperung der FPÖ, zu erklären, die immer ausgeprägter werden. Als Überreaktion auf die Hass-Kampagnen seiner Kritiker, die mit bisweilen übertriebenen Argumenten auf die Bedrohung ihrer Königreiche reagiert hatten, wurde bei Haider der Hang zu Hass und Aggression, zu Hemmungslosigkeit und persönlichen Untergriffen immer größer. Zugleich wechselt er ständig zwischen depressivem Rückzug - wenn er erkennt, dass er trotz seiner Intelligenz und politischen Begabung nie den Durchbruch schafft - und lustvoller Omnipräsenz, wenn ihn die Eitelkeit packt, dass er mit starken Sprüchen noch immer mehr Mikrophone hingestreckt bekommt als jeder andere Österreicher.
Was heißen diese Beobachtungen für die Zukunft der Koalition? Nichts Gutes. Eheberater wissen, dass jeder Partner zuerst einmal mit sich selbst im Reinen sein sollte, seine eigene Identität kennen und akzeptieren sollte, bevor er wirklich reif ist, sich auf das Abenteuer einer Partnerschaft einzulassen.ENDE

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