DER STANDARD-Kommentar: "Bloßgestellt" (von Michael Völker) - Erscheinungstag 24.1.2002

Wien (OTS) - Es war hohe politische Kunst, wie Wolfgang Schüssel Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer am Dienstag nach dem Ministerrat vorgeführt hat. Der Bundeskanzler hat ein Lehrstück gegeben, wie man dem politischen Partner in aller Gelassenheit eine Demütigung zufügt, die nachhaltig schmerzt. Jörg Haider kann zwar auf den Tisch hauen wie kein Zweiter, an den schwarzen Meister fein gesponnener Kabalen kommt er nicht heran. Da bleibt er Zweiter.

Riess-Passer mag im Augenblick gar nicht gemerkt haben, was Schüssel ihr da antat. Von der elegant angesetzten Neuwahldrohung des Kanzlers wurde sie überrumpelt - und fand keine Worte. Die mussten später andere für sie suchen. Eine Antwort auf die Vetofrage konnte sie ebenfalls nicht geben. Was sie später übrigens dementieren ließ. Sinngemäß: Sie habe nicht gemeint, was sie gesagt habe.

Der Schock in der FPÖ sitzt tief. Zu deutlich hat Bundeskanzler Schüssel Position bezogen. Zu deutlich wurde Riess- Passer in ihrer Hilflosigkeit bloßgestellt. Jörg Haider muss getobt haben: Mit der FPÖ kann man so nicht umgehen, nicht einmal mit Riess-Passer. Also versuchte Haider, das Geschehen wieder in die Hand zu nehmen. Und formulierte mit Peter Westenthaler eine Aussendung. Riess-Passer war bereits auf dem Weg zum Nachtslalom in Schladming, als sie von ihrer Unterschrift unter der Stellungnahme in Kenntnis gesetzt wurde.

In der gemeinsamen Aussendung gibt es übrigens die Passage: "Wenn die in den Medien kolportierten Drohungen Schüssels gegenüber der FPÖ der Wahrheit entsprechen . . ." Haider hätte Riess-Passer fragen können, sie stand schließlich daneben. So fügte er ihr eine zweite Demütigung hinzu. Als ob ihre Vorführung durch Schüssel nicht gereicht hätte.

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