"Die Presse" Kommentar: "Die giftigen Zwei" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 19.1.2001

Wien (OTS) Warum kann Jörg Haider nicht in die Regierung kommen? Wenn der
tschechische Premier Milos Zeman samt seinen Umgangsformen wirklich international verträglich sein sollte, dann wäre es wohl auch der Kärntner Landeshauptmann.
Tatsache ist jedenfalls: Hier haben sich zwei Ebenbürtige gefunden. Beide verteilen lustvoll verbale Ohrfeigen; beide baden in Aggressionen; beide schüren bewußt Ressentiments gegen andere; beide sehen in der Außenpolitik lediglich ein Instrument, um innenpolitisch zu punkten; beiden ist jeder Tiefschlag recht, nur um an der Macht zu bleiben. Beide liefern geradezu Lehrbuch-Beispiele, wie sich zwischen Völkern Konflikte entwickeln - aus denen zumindest in vergangenen Epochen Kriege entstehen konnten. Ob diese Vergangenheit im übrigen wirklich so absolut vergangen ist, wissen ja nur jene (meistens Grüne) mit Sicherheit, die sowohl gegen Bundesheer wie auch einen Beitritt zur Nato sind, der Tschechien übrigens schon längst angehört. Aber das nur am Rande.
Das Tragische ist: Je verfahrener die außenpolitische Situation ist, umso mehr Jubel finden die Scharfmacher. Die tschechischen Sozialdemokraten sind alte Apparatschiks, die in der kommunistischen Zeit gelernt haben, daß man mit anti-deutschen und noch mehr anti-österreichischen Reflexen den Zornspiegel des Durchschnitts-Tschechen am leichtesten heben kann. Und die Freiheitlichen sind eine Partei, die nicht einen einzigen Politiker oder Diplomaten mit internationaler Erfahrung hat, in der man wirklich glaubt, mit Hans Dichand läßt sich diese Republik gegen den Rest der Welt regieren. Längst ist die Frage müßig, wer "angefangen" hat: Zeman mit den Beschimpfungen, Haider mit dem für die Menschen in Böhmen und Mähren demütigenden Volksbegehren, Zeman mit seiner Beteiligung an den Sanktionen, Österreich mit der mangelnden Unterstützung für den tschechischen EU-Beitritt, sehr viele Tschechen mit ihren Verbrechen an den Sudetendeutschen, Hitler-Deutschland (samt Unterstützung durch sehr viele Österreicher) mit seinen Verbrechen gegen die Tschechen, die Tschechen mit ihrer Diskriminierung der deutschen Minderheit in der Zwischenkriegszeit und der Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts, die k. u. k. Monarchie mit der Diskriminierung der Tschechen etwa im Vergleich zu den Ungarn. Irgendwann landen wir bei der Schlacht am Weißen Berg oder bei Ottokar Premysl.
Das Verhältnis zu Prag gleicht dem zu Rom in den 60er Jahren. Nur fehlen ein Silvius Magnago, der die Heißsporne einfängt, ein Aldo Moro und ein Kurt Waldheim, die in unendlich mühsamen Verhandlungen das Blutvergießen beendet, aus Feindschaft eine heute innige Freundschaft gebaut haben.
Nachbarschaft gerade in einem historisch belasteten Klima braucht ruhige Köpfe statt lauter Schimpfer. Und die Besonnenen müssen zehnmal so hart und lang arbeiten wie die Berserker, die mit ein paar lockeren Sprüchen alles kaputtmachen können. Wie man etwa gerade in Kärnten sehen kann, wo böswillige Intriganten aus den Reihen der Slowenen (gegen den Willen der meisten Minderheits-Angehörigen!) nun zu den Staatsvertragsmächten laufen, um zu denunzieren. Das Klima zwischen Volksgruppen wie Staaten ist so rasch, so leicht vergiftet, und es braucht so lange, bis es wieder entgiftet ist!
Wenn jetzt Österreich nach all dieser Vorgeschichte auch noch den Beitritt Prags zur EU blockieren sollte, wie es die FPÖ und eine relativ große Minderheit will, dann brauchen wir uns gar nicht mehr den Kopf über Nachbar- oder Freundschaft zu zerbrechen. Dann wird das letzte Jahr dieser Legislaturperiode für Österreich (zu Recht) schlimmer sein, als es das erste (zu Unrecht) war.

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