DER STANDARD-Kommentar: "Auf Biegen und Brechen" (von Michael Völker) - Erscheinungstag 18.1.2001

Wien (OTS) - Der eine ist ein "Postfaschist", der andere ein "Kommunist". Jörg Haider, Landeshauptmann in Kärnten, und Milos Zeman, Ministerpräsident in Tschechien, bleiben einander im Wetteifer der gegenseitigen Unhöflichkeiten nichts schuldig. Sie haben sich damit auf eine Stufe gestellt, auch wenn das beiden nicht gefallen mag. Was das Niveau betrifft, ist diese Stufe übrigens recht weit unten auf der Treppe. Beiden scheint dies nichts auszumachen, ganz so, als ob sie sich in diesen Niederungen ganz heimisch fühlen.

Die Motive dürften sehr ähnlich sein: Sind sie nicht von emotionaler Aufwallung getragen, dann geht es um den schnellen, billigen innenpolitischen Erfolg. Was die Auswirkungen in Österreich betrifft, haben beide den gleichen Effekt: Sie pushen das Anti-Temelín-Volksbegehren, und zwar ganz ordentlich. Hier greift der Zeman-Effekt - ganz gleich, wie bei der Wahl von Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten der "Jetzt erst recht"- Effekt gegriffen hatte.

Somit ist der Konflikt zwischen Haider und Zeman nicht bloß als die Auseinandersetzung zweier Populisten abzutun, die ihr Mundwerk nicht in Zaum halten können. Glaubt man den Meinungsforschern, dann hat der Zeman-Effekt ein Mobilisierungspotenzial von 100.000 Unterschriften zusätzlich für das Volksbegehren - und somit schwer wiegende Auswirkungen.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wird sich bei einem durchschlagenden Erfolg des Volksbegehrens schwer tun, die Volkspartei in aller Gelassenheit auf dem bisherigen Temelín- Kurs weiterzuführen. Die FPÖ wird auf Biegen und Brechen auf einer Korrektur dieses Kurses beharren, und die Kronen Zeitung wird darauf achten, dass dies auch durchgesetzt wird. Wenn es sein muss, auf Biegen und Brechen der Koalition.

Rückfragen & Kontakt:

Tel.: (01) 531 70/428

Der Standard

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS