"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Zündler zurück" (Von Günther Schröder)

Ausgabe vom 17. 1. 2002

Innsbruck (OTS) - Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben so Kriege begonnen. Die Auseinandersetzung zwischen Wien und Prag, die jetzt nach den verbalen Entgleisungen in diplomatische Demarchen gipfelte, ist einfach entsetzlich. Aber sie hat tiefe historische Wurzeln und kommt deswegen keineswegs überraschend.

Die Entfremdung reicht bis zu den Hussiten und der späteren Gegenreformation durch die Habsburger zurück. Der fehlende Ausgleich mit Böhmen/Mähren in der Monarchie, die Tatsache, dass bei der Zerschlagung des Vielvölkerstaates Millionen Deutschsprachige zur Tschechischen Republik kamen - die Liste der Gründe für Verwerfungen ist lang. Alles wird vom verbrecherischen Überfall Hitlers und der zwar nachvollziehbaren, aber ebenfalls menschenverachtenden Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Weltkrieg in den Schatten gestellt.

Der eiserne Vorhang hat die beiden Länder einander auch nicht näher gebracht. Und so stehen wir vor der Situation, dass jede Meinungsverschiedenheit die alten Konflikte sofort wieder aufbrechen lässt - obwohl oder gerade weil der eigentliche Grund für die Eskalation ein unbewusster, aber tief verankerter ist. Angesichts dessen ist das Zündeln auf beiden Seiten ein Skandal. Man kann gegen Temelin anders protestieren als - so wie die FPÖ - mit jeder noch so weit hergeholten Angstparole gegen Tschechien zu mobilisieren. Schlussendlich sind die Grenzen des Machbaren zu akzeptieren: Niemand kann Prag zum Abschalten zwingen. Der tschechische Premier Zeman wiederum zeigt nicht nur bei der Atomenergie grenzenlose Sturheit. Er hat sich mit seinen sinnlosen Angriffen gegen Haider politisch dumm verhalten. Besser hätte die FPÖ nicht für ihr Volksbegehren zu werben vermocht.

Bleibt zu hoffen, dass alle ihre Zündler zurück halten können. Sonst wird anstelle des Friedenprojektes EU-Erweiterung ein neues unerfreuliches Kapitel der komplizierten Beziehung aufgeschlagen.

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