DER STANDARD-Kommentar: "Atomkraft im Vormarsch" (von Conrad Seidl) - Erscheinungstag 16.1.2002

Wien(OTS) - Dass sich der tschechische Premierminister von seinem Atomkurs abbringen lassen würde, hat wohl nicht einmal die FPÖ gehofft. Noch unverhoffter kommt die Gratiswerbung, die Milos Zeman mit seinem fundamentalen Angriff auf die in seinen Augen "postfaschistische" FPÖ für deren Anliegen macht. Indem die FPÖ-Chefin patzig zurückmault, der Sozialdemokrat Zeman sei wohl geistig in der Zeit der Diktatur stecken geblieben, kann sie womöglich einen "Jetzt erst recht"-Effekt in Gang bringen. Danke, Herr Zeman.

Der Schlagabtausch zwischen den im europäischen Maßstab nicht allzu einflussreichen Politikern Milos Zeman und Susanne Riess-Passer verstellt aber den Blick auf viel wichtigere Vorgänge. Der hierzulande von Politikern aller Couleurs so hoch gepriesene europaweite "Ausstieg aus der Atomenergie" verliert nämlich rapide an Zustimmung.

In Deutschland kann Edmund Stoiber in beeindruckenden Sympathiewerten baden - nicht obwohl, sondern vielfach sogar weil er den rot-grünen Atomausstieg rückgängig machen will. Denn Protest gegen Atomkraft wird europaweit nicht mit den weisen Österreichern, die schon 1978 gegen Zwentendorf gestimmt haben, assoziiert - sondern häufig mit wilden, extremistischen und oft gewaltbereiten Protestierern. Vernünftige Umweltschützer, so suggeriert eine Aussage der stellvertretenden EU-Kommissionspräsidentin Loyola de Palacio, würden die Atomkraft besser finden als den Ausstoß von Treibhausgasen.

Das ist natürlich Blödsinn. Aber es illustriert, dass die österreichischen Atom-Sorgen nicht ernst genommen werden - und dass österreichische Anti-AKW-Initiativen bestenfalls als liebenswürdig-skurril, schlechtestenfalls als böswillig-nationalistisch erlebt werden. Das heißt für uns, dass wir noch länger mit Atomkraft leben müssen. Und dass wir überzeugendere Argumente dagegen finden müssen als ein Volksbegehren.

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