"Presse"-Kommentar: Feindliche Brüder (von Thomas Vieregge)

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"Presse"-Kommentar: Feindliche Brüder (von Thomas Vieregge)
Ausgabe vom 15. Jänner 2002
Wien (OTS). Wenn US-Außenminister Colin Powell dieser Tage die imaginäre
Luftlinie zwischen Indien und Pakistan passieren wird, ist aus der drohenden militärischen Konfrontation zwischen den feindlichen Brüdern immerhin ein wenig die Luft entwichen: Die akute Kriegsgefahr ist abgewendet. Bei Powells letzter Pendelmission im Spätherbst flammte der Konflikt just zu dem Zeitpunkt auf, als er noch über allen Wolken schwebte: Als Washingtons Spitzendiplomat aus dem Flugzeug stieg, lag gleichsam noch Pulverdampf in der Luft - Neu Delhi schickte Kanonengrüße über die Grenze nach Islamabad.
Wenn also die Chancen für einen freundlicheren Empfang diesmal günstiger stehen, liegt das an Pakistans Präsidenten Pervez Musharraf, der mit seiner vielerorts als historisch gepriesenen Rede eine eminente Vorleistung erbracht hat. Optimisten sprachen gar schon von einer Zeitenwende am Subkontinent. Soweit ist es freilich längst noch nicht. Aber seit dem 11. September hat sich der Präsident - auf sanftem Druck der USA - geradezu mustergültig verhalten: Er hat sich und sein Land aus dem Paria-Dasein erlöst, nicht ohne ein beträchtliches Wagnis einzugehen. Der General hat alles getan, was in seiner Kraft war: Eindämmung des moslemisch-fundamentalistischen Einflusses, Verbot von militanten Gruppen. Weiter konnte er nicht gehen, ohne seine Position zu gefährden - der Balanceakt eines Grenzgängers.
Wie um seine friedlichen Absichten zu bestätigen, legte der Machthaber bei der Fernsehansprache sogar seine Militäruniform ab. Neuerlich hat er vorgeführt, daß er etwas versteht von der Politik der Symbole. Sein Widerpart auf indischer Seite, Premier A.B. Vajpayee, hat mit den PR-Qualitäten Musharrafs schon mehrfach Bekanntschaft gemacht, zuletzt bei dessen Handschlag beim Südasien-Gipfel in Katmandu. Allein, es fehlt die Vertrauensbasis.
In Neu Delhi erinnern sich viele nur zu gut, daß Musharraf es
war,
der als starker Mann der Armee vor drei Jahren eine Offensive im Kaschmir lanciert hat. Und hat Indien nicht schon einmal die Hand ausgestreckt? Beim Tadj-Mahal-Gipfel im vorigen Sommer konnten sich die beiden Kontrahenten im Kaschmir-Konflikt noch nicht einmal auf eine gemeinsame Terminologie einigen - die feindlichen Brüder sprechen nicht mit einer Zunge. Darum fiel in Indien der Applaus auf die Rede Musharrafs merklich gedämpft aus.
Indien hält den Druck auf Pakistan weiter aufrecht, es fordert
von
Musharraf jetzt nachdrücklich das schnelle Einlösen all seiner Versprechen - verlangt damit viel. Mit einer Säuberungswelle unter Pakistans Islamisten hat der General bereits harte Hand beweisen. Für Indien ist das allerdings nicht genug: Die Aktivitäten der Separatisten im Kaschmir müßten zurückgehen, die Infiltration müsse ein für alle Mal gestoppt werden, erst dann könne Indien einen Teil seiner Truppen aus der umstrittenen Himalaya-Provinz zurückziehen. Indien muß indes aufpassen, daß es in Verkennung der Realität - und der Schmerzgrenze für Pakistan - seine Forderungen nicht überzieht. Denn auf die territoriale Integrität des Kaschmir will - und kann
-
Pakistan nicht verzichten: "Kaschmir fließt in unserem Blut", sagte Musharraf. Und Blut ist zwischen Indien und Pakistan in den letzten 55 Jahren wohl genug geflossen.
Pakistan hat seinen Teil für die Deeskalation geleistet, jetzt
ist
in dem machtpolitischen Schachspiel Indien am Zug. In die starren Fronten Neu Delhis muß Bewegung kommen, sonst wird Indien eine große Chance verspielen. Dies wird die indische Regierung wohl auch von Powell zu hören bekommen. Wie hatte Indiens Außenminister Singh doch vollmundig angekündigt: Setzt Pakistan einen Schritt nach vorne, wird Indien zwei Schritte folgen lassen!

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