Italien liebt den Euro, hasst den Euro von Ruth Reitmeier

WirtschaftsBlatt-Kommentar

Wien (OTS) - Italiens Probleme mit dem Euro sind vielschichtig. Anders als die italienische Bevölkerung will sich die Regierung unter Premier Silvio Berlusconi nicht mit dem Euro anfreunden. Lega-Nord-Chef Umberto Bossi, der als Reformenminister einen der Top-Regierungsposten besetzt, liess alle Welt wissen, dass er auf den Euro pfeift.

Bei der Umstellung auf Euro-Bargeld gibt es viele Pannen. Und weil die Italiener das bereits geahnt hatten, haben sie sich vor dem Jahreswechsel noch mit Lire eingedeckt - nicht aus Sentimentalität, sondern aus Angst, im neuen Jahr ohne Bargeld dazustehen. Dadurch ist jetzt noch relativ viel altes Geld im Umlauf. Hinzu kommt ein saftiger Preisanstieg seit dem Euro-Start.

Trotz allem sind Italiens Bevölkerung und Wirtschaft ungebrochen begeistert von der neuen Währung. In der EU wächst indessen die Sorge, dass die antieuropäische Stimmung in der Regierung die proeuropäische Bevölkerung anstecken könnte.

Ansteckungsgefahr besteht aber nicht nur für Italien, sondern auch für die Finanzmärkte. Denn ganz ohne Auswirkungen auf den Wechselkurs bleibt die negative Stimmungsmache der Regierung Berlusconi gegen den Euro und die EU freilich nicht. Für Analysten fällt das unter "Störfaktoren", die den Euro zwar nicht aus der Bahn werfen, aber kurz und leicht schwächen können. Die Experten hatten nämlich damit gerechnet, dass der Euro-Kurs mit der Bargeldeinführung etwas stärker gegenüber dem Dollar anziehen wird. Das ist nicht eingetreten. Die Märkte hätten vermutlich positiver reagiert, wären Herrn Bossis Worte zum Euro nicht gefallen. Und was sollen solche Verbalattacken überhaupt bringen? Der Zug ist abgefahren. Auch Italien wird bis Ende Februar die Euro-Umstellung abgeschlossen haben. EU-Kommissar Romano Prodi brachte es gestern auf den Punkt: "Diese Ehe kann nicht mehr geschieden werden." - Auch nicht auf Italienisch.

Für die Entwicklung des Euro-Kurses wird hingegen viel wichtiger sein, wie rasch und stark die US-Konjunktur anzieht und ob die EU-Konjunktur mithalten kann. Klappt das, dann wird sich der Euro-Kurs zum Dollar in den kommenden Monaten bei 0,90 einpendeln.

Damit ist der Euro zwar noch immer unterbewertet, was den Europäern aber angesichts der aktuellen Exportflaute nur recht sein kann. (Schluss) RR

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