Österreichs Gesundheitssystem kann sicher UND finanzierbar sein

Gebietskrankenkassen orten vor allem bei Schnittstellenproblematik mit Spitälern, durch zentralere Planung, Forcierung der Vorsorgemedizin sowie Qualitätsnormen Einsparungspotential

Wien (PWK012) - Die Finanzsituation und künftige Finanzierbarkeit des österreichischen Gesundheitssystem wurde heute, Mittwoch, von nahezu der gesamten Experten- und Entscheidungsträgerschaft, die im österreichischen Gesundheitssystem Rang und Namen hat, bei einer Gesundheitsenquete in der Wirtschaftskammer Österreich diskutiert. WKÖ-Generalsekretärstellvertreter Reinhold Mitterlehner wies in seinem Eröffnungsstatement auf die Effizienz und hohe Qualität des österreichischen Gesundheitssystems hin, das international Vorbildcharakter hat. "99 % der Bevölkerung sind in Österreich durch Krankenversicherung geschützt und das mit nur rund 60 Euro im Monat. Die Gesamtkosten des Gesundheitssystems entsprechen 8,3 % des BIP, womit wir unter dem europäischen Schnitt von 8,7 % liegen", berichtete Mitterlehner. Gleichzeitig liegen allerdings die Einnahmensteigerungen deutlich unter den Ausgabensteigerungen, was nach neuesten Schätzungen 2001 zu einem Defizit von rund 200 Mio Euro (2,8 Mrd Schilling) bei der Krankenversicherung führt. "Zu einer nachhaltigen Lösung dieses Spagats müssen wir den interdisziplinären Dialog verstärken und die Konsensfindung vorantreiben", so Mitterlehner über sein Ziel und den Zweck der stattfindenden Veranstaltung.

Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Franz Haimerl von Leitner & Leitner präsentierte als Ausgangsbasis eine Finanz- und Liquiditätsanalyse der sozialen Krankenversicherung in Österreich (07/2001 - 07/2002) mit folgendem Ergebnis: nur die Oberösterreichische Gebietskrankenkasse und die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft wiesen kumulierte Liquiditätsüberschüsse auf. Sechs Krankenversicherungsträger wiesen zwar Finanzierungslücken auf, die allerdings durch Finanzierungsreserven kompensiert werden können. Bei den restlichen sechs bestünden erhebliche Strukturprobleme und negativer Finanzmittelbestand, unter ihnen die größte österreichische, die Wiener Gebietskrankenkasse. "Insgesamt ergibt dies ein Gebarungsergebnis von minus 270 Mio Euro (3,7 Mrd Schilling), von dem rund 145 Mio Euro (2 Mrd Schilling) durch den Ausgleichsfonds abgedeckt werden können", erklärte Haimerl.

Dass diese Finanzierungshürde sehr wohl zu bewältigen sei, zeigte sich Helmut Oberchristl, Obmann der - positiv bilanzierenden -Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse überzeugt. Er präsentierte seine Rationalisierungsmaßnahmen der letzten Jahre und betonte die Wichtigkeit des Einsatzes von Vorsorgemedizin: "Wir müssen nicht nur Kranke heilen, sondern möglichst im Vorfeld die Erkrankung zu verhindern versuchen. Hier liegt ein großes zum Teil noch ungenutztes Potential, mit dem nachhaltig eingespart werden kann." Hingegen halte er Selbstbehalt für eine ungerechte Krankensteuer und sehe die Reform des österreichischen Gesundheitssystems "vielmehr als eine politische Frage inwieweit an den Grundsätzen des vorbildlichen österreichischen Sozialsystems - wie sozialer Ausgleich - festgehalten werden soll."

Auch Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, ist von der Qualität des heimischen Gesundheitssystems sowie seiner Finanzierbarkeit überzeugt, spricht sogar von einem "Exportartikel". Geld einzusparen, könne er sich vor allem bei der Schnittstellenproblematik Krankenkassen/Spitälern vorstellen und schätzt dieses Potential auf zwei bis drei Mrd Schilling.

Stefan Vlasich, Generaldirektor der Sozialversicherungsanstalt (SVA), die seit 20 Jahren eine positive Gebarung vorweisen kann, führt diese insbesondere auf systemimmanente Gründe wie das duale Leistungssystem von Sachleister (ASVG) und Geldleister (Privatzahler) zurück. "Sachleister gehen doppelt so oft zum Arzt wie Geldleister, sie können aber frei wählen, ob sie lieber Privatzahler werden und so günstiger kommen", so Vlasich. Mit Steuerungsmaßnahmen auf Angebots-, Nachfrage- und Qualitätsseite könne das aktuelle Defizit der Krankenkassen wirkungsvoll bekämpft werden, schloss sich auch Vlasich dem allgemeinen optimistischen Tenor an. Zentralere Planungen bei Niederlassungen und Großgeräten, Verbesserungen bei Bewilligungsverfahren, größere Preistransparenz und Festsetzung von Qualitätsnormen der Leistungserbringung könnten nachhaltige Steuerungsmaßnahmen zum Ausgleich des Defizits sein.

Johannes Kleemann, Obmannstellvertreter der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse, las schlussendlich aus dem Regierungsprogramm zum Thema Sanierung der Krankenkassen vor und forderte die Umsetzung der darin enthaltenen Vorhaben ein: "dann könnten die Kostensteigerungen bei den Krankenkassen mit Sicherheit deutlich reduziert werden."

Ein Gesamtbericht der Enquete "Ein sicheres UND finanzierbares Gesundheitssystem - Wunschtraum ohne Realisierungschance?" inklusive Videobeträgen kann ab heute Nachmittag im Internet unter http://wko.at abgerufen werden. (Ne)

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