Temelin oder: jedes Jahr ein anderer Jux

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Das Atomkraftwerk Temelin hätte besser nicht gebaut werden sollen. Da das technische Monster fertig ist, wäre es das Beste, es im weiten Land stehen zu lassen wie das österreichische Zwentendorf: als vollendete Ruine. So weit einleitend der klare Standpunkt. Das von der FPÖ eingeleitete Volksbegehren gegen Temelin wird Temelin nicht verhindern, aber die Interessen der Österreicher schädigen. Den Beitritt Tschechiens zur EU zu blockieren und vielleicht sogar durch eine spätere Volksabstimmung gegen die EU-Erweiterung zu zementieren, kommt einer Politik des kalkulierten Desasters gleich.

Veranstaltet wird das jetzige Begehren von einer populistischen Partei, deren Führer seit Jahren auf einer europäischen Grottenbahn Schwindel erregen - in jeder Bedeutung des Wortes. Aktuellster Beleg für diese Behauptung: Was wäre gewesen, wenn Österreich auf den damaligen FP-Chef und heutigen Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider gehört hätte, als er am 2. November 1997 in der Fernseh-Pressestunde folgende Euro-Strategie empfahl: "Abwarten, zuschauen und sich dann, wenn es funktioniert, eventuell einklinken." Nur 254.000 Österreicher unterschrieben wenige Wochen später das Schilling-Volksbegehren, Haider scheiterte, und Österreich steht heute - anders als Grossbritannien oder Schweden - währungspolitisch nicht im Abseits. Und stolpert auch nicht von einer Verlegenheit in die nächste, wie das fragwürdige Euro-Mitglied Italien.

Wenn die FPÖ aber jetzt die Lunte zündet, an deren Ende die Brücke zur Ost-Erweiterung der Europäischen Union gesprengt werden soll, dann ist die Absicht mindestens so ruinös wie die Anti-Euro-Kampagne von einst. Die EU-Erweiterung wird der Wirtschaft und somit dem Wohlstand der Bevölkerung einen spürbaren Auftrieb verleihen. Er wird historische Zusammenhänge wieder herstellen, die im 20. Jahrhundert weitgehend verschüttet waren. Auf diese grossartige Perspektive sollen wir verzichten, nur weil Temelin zum Symbol der Atom-Angst geworden ist und die FP dies ausnützt? Schon ihrem Ausländer-Volksbegehren "Österreich zuerst" von 1993 war wenig Erfolg beschieden. Der Euro ist trotz FPÖ und ihres Regierungseintritts ein Erfolg. Also wird auch die von Hitler und Stalin verursachte Zweiteilung Europas nicht ewig währen, bloss weil die FPÖ als einzige österreichische Partei es so will. (Schluss) was

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