DER STANDARD-Kommentar: "Wahrnehmungswahn: Das größte aller Umweltdesaster interessiert niemanden" (von Jürgen Langenbach) - Erscheinungstag 3.1.2002

Wien (OTS)- Etwa 55 Millionen Menschen sind in Bangladesch von arsenhaltigem Grundwasser so vergiftet, dass erst ihre Haut und dann ihr ganzer Körper von Tumoren zerfressen wird. Exakt 113 Menschen sind weltweit seit 1990 an Creutzfeldt-Jacob erkrankt, jenem Leiden, das das Gehirn zerlöchert, 99 sind gestorben.

Sie füllen die Schlagzeilen, ihretwegen werden Rinder sonder Zahl niedergemäht (und gigantische Forschungsgelder investiert), obwohl bis zum heutigen Tag der Zusammenhang ihres Wahns (BSE) mit dem der Menschen (CJD) nicht gesichert ist, ganz im Unterschied zu dem von Arsen und den Tumoren in Südostasien. Sie interessieren nur niemanden, kein Greenpeace-Hahn kräht, kein CNN hält rund um die Uhr die Objektive offen.

Auch die Weltgesundheits-

organisation schlägt keinen lauten Alarm, sondern bilanziert irgendwo auf ihrer Homepage, das Arsen im Wasser Südostasiens sei die "größte Massenvergiftung der Geschichte" und ein Umweltdesaster, das alle anderen in den Schatten stelle, "von Tschernobyl bis Bhopal". Bhopal? Die Explosion in der Chemiefabrik in Indien forderte Tausende Tote. Tschernobyl? Die Explosion im Atomkraftwerk in der Ukraine forderte, tja. "Verlässliche Zahlen über die Todesopfer gibt es nicht", bilanziert Global 2000, "die Angaben reichen von 31 Toten bis zu Tausenden."

Bevor die Protestnoten einlangen: Vermutlich wurden in Tschernobyl Zehntausende stark verstrahlt und sind schon daran gestorben oder werden noch daran sterben, aber sie interessieren wieder weder die russischen Statistiker noch den westlichen Neuigkeitenmarkt: Es sind respektive waren jene jungen Soldaten ("Liquidatoren"), die man ohne jeden Schutz zum Löschen in den brennenden Reaktor schickte.

Was im Westen interessiert, weil die Wolke schließlich auch dorthin gezogen ist,

ist der strahlenverursachte Schilddrüsenkrebs bei Kindern, der sich, wieder laut Global 2000, von 1986 bis 1998 in der hauptbetroffenen Region Gomel um das "58fache" gegenüber den Zeiten vor der Explosion erhöht hat. In absoluten Zahlen liest es sich weniger dramatisch: 407 Kinder sind erkrankt (in Worten: vierhundertundsieben).

Natürlich ist Bangladesch weit weg, aber wir sorgen uns ansonsten durchaus um das Wohlergehen seiner Bewohner, kein Bericht über die Klimakatastrophe ohne Verweis auf die Ärmsten der Armen, denen dann, in hundert Jahren, das Wasser bis zum Halse steht. Nur dass sie heute an ihrem Wasser sterben, interessiert uns nicht.

Das Problem ist auch nicht neu, spätestens seit 1995 ist es international bekannt; an Informationsmangel kann sie nicht liegen, die groteske Verweigerung und Verzerrung der Wahrnehmung. An der Art der Bedrohung kann sie auch nicht liegen: Wie CJD (vermutlich) kommt das Arsen (sicher) mit der Nahrung. Und wie die Strahlen und wieder der CJD-Erreger kommt das Arsen unheimlich, Menschen haben kein Sensorium für die Gefahren, man schmeckt sie nicht, man sieht sie nicht, man riecht sie nicht.

Man merkt auch lange nicht, dass sie den Körper von innen zersetzen, auch darin sind Strahlung, CJD-Erreger und Arsen gleich. Beim Arsen ist alles nur noch viel schlimmer: Die Rinder sind irgendwann geschlachtet, die radioaktive Verseuchung klingt irgendwann ab. Aber Arsen hat keine Halbwertszeit, es bleibt, es sitzt nun einmal von Natur her im Boden.

Nicht nur in Südostasien. Arsen im Boden ist kein regionales Problem, sondern ein weltweites. Und nicht alle Länder sind von Natur so gesegnet wie Österreich, wo das Arsen vom Boden kaum ins Wasser geht. In den USA etwa haben viele Regionen so viel Arsen im Grundwasser, dass im letzten Präsidentschaftswahlkampf über Gefahren und Grenzwerte gestritten wurde. Aber weder die eigene Bedrohung noch das eigene glückliche Los weckt das Interesse am Schrecken am anderen Ende der Welt.

Warum nicht? Ich weiß es auch nicht.

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