"Die Presse" Kommentar: "Wieder aufwärts" (von Josef Urschitz)

Ausgabe vom 2.1.2002

Wien (OTS) 2001 war alles in allem ein bitteres Jahr für Aktionäre:
High Tech-
Blase geplatzt, Weltbörsen im Sturzflug, gewaltige Kursverluste. Eine Menge enttäuschter Privatanleger hat in diesem Jahr viel Lehrgeld an den Märkten bezahlt. Aber das ist immer so, wenn sich Spekulationsblasen aufblähen und schlußendlich unter lautem Getöse platzen.
Wichtiger ist jetzt: Wie geht es weiter. Wenn die Konjunkturpropheten recht behalten, dann wird es möglicherweise gegen Ende des gerade erst begonnenen Jahres wieder aufwärts gehen. Die Börsen werden wie immer rund ein halbes Jahr vorher zu reagieren beginnen. Und da wird es gut sein, sich rechtzeitig zu positionieren und sozusagen schon im Zug zu sitzen, wenn er anfährt.
Letztendlich wird das Anlegervertrauen ja bald wieder zurückkehren. Es ist derzeit so viel anlagesuchendes Kapital im Markt, daß es gar nicht anders geht. Und das wird auch mittelständischen Unternehmen wieder die Möglichkeit geben, sich an der Börse Geld zu besorgen. Diese Funktion der Börse, nämlich Finanzierungsinstrument für die Wirtschaft zu sein, haben ja viele Anleger im Casino-Rausch der High Tech Blase völlig vergessen gehabt. Dabei wird gerade die Eigenkapitalquelle Aktie demnächst wieder stark an Bedeutung gewinnen.
Das Schlüsselwort heißt Basel II: Die strengeren Unterlegungsvorschriften für Banken, die sich hinter diesem Code verbergen, werden Kredite an Unternehmen (wegen der damit verbundenen Unternehmensratings) verteuern und (wegen der verschärften Unterlegungssvorschriften bei den Banken selbst) verknappen. Basel II ist damit bereits jetzt zum Schreckgespenst mittelständischer Unternehmer geworden. Aber sie werden damit leben müssen.
Diese "mittelständische Wirtschaft" stellt freilich das Gros der heimischen Firmen. Wenn hier Finanzierungsmittel knapp werden, dann entsteht ein gesamtökonomisches Problem von nicht zu unterschätzendem Ausmaß.
In Ökonomien mit funktionierendem Kapitalmarkt ist die Lösung einfach: Ersatz von teurem Fremdkapital durch billigeres Eigenkapital. Dieses holt man sich im Regelfall von der Börse. Das funktioniert, wie man 2001 gesehen hat, nicht immer, aber solche Katastrophenjahre sind ja eher die Ausnahme als die Regel.
Die Basel II-Bestimmungen böten also theoretisch sogar die Chance, die Kapitalstruktur der heimischen Wirtschaft zu verbessern: Wenn die Unternehmen gezwungen werden, Kapitalgeber hereinzunehmen, statt den bequemeren Weg des Kredits zu gehen, dann müßte das zwangsläufig zu einer Belebung des Kapitalmarktes führen, die Unternehmen und Anlegern gleichermaßen nutzt.
Voraussetzung dafür ist freilich ein funktionierender Aktienmarkt. Und da sieht es in Wien leider immer noch düster aus. Nicht, weil die Börse selbst nichts zustande bringt. Sondern weil niemand eine funktionierende Börse wirklich will: Viele Unternehmer alten Zuschnitts bekommen bei der Vorstellung, sich in einer Hauptversammlung vor Aktionären rechtfertigen zu müssen, eine Gänsehaut. Die Banken, tragende "Player" an der Börse, sind nicht daran interessiert, sich ihr lukratives Kreditgeschäft selbst zu zertrümmern. Und der Finanzminister der Wenderegierung redet zwar viel von Kapitalmarktoffensiven, tut in der Realität aber herzlich wenig dazu. Oder ist die Fonds-Steuer etwa ein kapitalmarktpolitisches Glanzlicht?
Solange aber der politische Wille zum Aufbau einer vernünftigen, funktionierenden Regionalbörse zur Mittelstandsfinanzierung nicht da ist, bleibt alles Gerede von Kapitalmarktoffensiven heiße Luft. Und die Anleger sind weiter gezwungen, großflächig im Ausland Unternehmensfinaciers zu spielen. Zum Schaden der heimischen Betriebe.

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