"Die Presse" Kommentar:"Viel Glück" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 31.12.2001

Wien (OTS) Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Der Kalauer drängt sich
auf, zieht man zum Jahreswechsel Bilanz. Stimmung und Weihnachtsgeschäft passen nicht zu den Fakten, die man an der Chronik des Jahres ablesen kann: Die Wirtschaft stagniert, schrumpft sogar, steht fragiler da als jemals in der letzten Dekade; der größte Terrorschlag der Geschichte löste einen Krieg aus; als Draufgabe haben in den letzten Tagen des Jahres nun zwei Atommächte begonnen, aufeinander zu schießen, wenn auch vorerst "nur" konventionell.
Eigentlich Grund genug, um in Sorge, wenn nicht Panik zu verfallen. Dennoch regiert überraschend weitverbreitete Gelassenheit.
Ist Verdrängung die Ursache? Oder haben wir all diese Entwicklungen geistig längst schon "eingepreist"? Also so wie die Börsenkurse es in Hinblick auf etliche Crashs der letzten Monate getan haben, Katastrophen vorweggenommen, lange bevor sie eingetreten sind?
In der Tat: Als im vorigen Winter die Buchstaben BSE und MKS die Runde machten, brach der Fleischverkauf ein; als in diesem Winter der erste wirkliche BSE-Fall (samt massivem Fleisch-Schwindel) auftauchte, ließ das die Österreicher eiskalt. Als die Abschaffung von Schilling und D-Mark erstmals am Horizont erschienen war, sind Österreicher und Deutsche in Weltuntergangsstimmung geraten. Heute am allerletzten Tag dieser beiden Währungen sind wir fast alle von euphorischer Erwartung auf das neue europaweite Geld erfaßt.
Auch der Atomkrieg ist uns schon so lange prophezeit worden, daß ihn jetzt in Europa niemand besonders ernst nimmt - obwohl die Gefahr konkreter denn seit langem ist.
Überraschender war der dramatische Anschlag von New York. Er war das dominierende Ereignis des Jahres. Aber selbst darauf reagieren wir am Jahresende schon wieder mit Gleichmut. Immerhin ist der Terrorkrieg mit einem klaren und leichten Sieg der USA zu Ende gegangen. Auch wenn der Hauptübeltäter nicht gefangen ist, wurde doch allen Staaten der Welt die Lehre vermittelt, daß man mit Terroristen nicht packeln darf, will man nicht einen vernichtenden Schlag riskieren. Nebenbei ist auch eines der häßlichsten Regime der Welt beseitigt und einem armen Land, das seit der russischen Invasion Jahrzehnte in Kriegswirren und Agonie darniedergelegen ist, ein Neuanfang ermöglicht worden.
Dennoch kann 2001 nicht mit "Ende gut, alles gut" abgehakt werden. Ob etwa die Konjunkturkrise wirklich schon Vergangenheit ist, ist zweifelhaft. Wir sollten uns auch bewußt sein, daß die verbliebenen (und durch den Nahostkonflikt stets neue Motivation findenden) Terroristen nun doppelt verbittert sind. Auch wird unser Leben durch die Fülle neuer weltweiter Sicherheitsregeln nicht gerade froher werden _ bald werden wir beim Besteigen eines Flugzeugs vielleicht nicht nur in Socken, sondern lediglich in Unterhosen vor den Kontrolloren stehen.
Ebenso sollten wir die Illusion meiden, daß uns ein eventueller neuer Krieg in Südasien nichts anginge: Seine Schockwellen könnten in mehr als neuen Flüchtlingsmassen bestehen.
Afghanistan wie Kaschmir machen auch bewußt, daß wir von einer Weltordnung weit entfernt sind. Daß wir die häufigste Ursache kriegsgefährlicher Konflikte, das Fehlen des Selbstbestimmungsrechtes (etwa der Kaschmiris, der Basken oder Palästinenser), weiter nicht gelöst haben. Daß wir an Stelle einer Weltregierung bestenfalls einen Weltpolizisten haben, der zwar besser als jede vorhandene Alternative ist, der aber nur dann handelt, wenn es auch Amerikas ureigenen Interessen zupaß kommt. Wir sollten es also durchaus wörtlich nehmen, wenn wir uns zum neuen Jahr viel Glück wünschen.

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