"Die Presse" Kommentar:"Mahlzeit" (von Norbert Rief)

Ausgabe vom 21.12.2001

Wien (OTS) David Lewis ist ein kluger Mann. Der Londoner Psychologe hat
herausgefunden, daß Weihnachten für Männer alles andere als gesund ist: Beim Einkaufen, so zitierte "Die Presse" jüngst die Lewis-Studie, hätten Männer einen Streß, der mit dem von Kampfbomber-Piloten im Einsatz vergleichbar sei.
Nach diesem Wochenende ist der "Einsatz" vorbei, die unfreundlichste Zeit des Jahres ist zu Ende: Kein Gedränge mehr vor den Kassen, keine Schreiduelle mit überarbeiteten Verkäuferinnen, dafür der gute Vorsatz, nächstes Jahr die Geschenke sicher schon im Oktober zu kaufen.
Doch halt! Wollten wir nicht alle auch am Heiligen Abend etwas essen? Einen Karpfen, Bratwürste, vielleicht sogar ein gutes Stück Beiried. Also, am Montag erneut in die Schlacht, um für Verpflegung zu sorgen. Und da beginnt erst der echte Streß. Denn nach den Vorfällen in einem Schlachthaus im Waldviertel in Niederösterreich weiß man nicht mehr, ob das Stück Fleisch auch tatsächlich von einem österreichischen Bio-Rind oder von einem Tier aus tschechischer Massenhaltung stammt. Über Faschiertes wollen wir erst gar nicht nachdenken.
Es ist tatsächlich faszinierend, mit welcher Unverfrorenheit hier offenbar etliche Schlachthöfe gearbeitet haben. Da wurde Billigfleisch aus Tschechien eingeschmuggelt, umgestempelt und als österreichisches Rindfleisch wieder exportiert. Millionen Schilling an EU-Förderungen sollen sich die Schlachthof-Besitzer so erschlichen haben, die ihr Treiben trotz der BSE-Krise und der dadurch erfolgten Verschärfung der Kontrollen nicht einstellten. Offenbar hatten die Herrschaften ein unerschütterliches Vertrauen in ihre Betrugsmethoden. Daß ausgerechnet der erste BSE-Fall in Österreich die "Fleischmafia" auffliegen ließ, ist nicht ohne Pikanterie.
Mit "lückenloser Aufklärung" werde man das Vertrauen der Bevölkerung in den "Feinkostladen Österreich" wiederherstellen, kündigt Gesundheitsminister Herbert Haupt an. Die Schlachthof-Besitzer waren sich jedenfalls ihrer Verantwortung bewußt: Auch das minderwertige exportierte Fleisch sei "ordnungsgemäß zerteilt worden", vermeldete das Gesundheitsressort.

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