"Kleine Zeitung" Kommentar: "Mord am Küniglberg?" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 16.12.2001

Graz (OTS) - Ist es überhaupt angebracht, über den Mangel an Selbstdarstellern oder Spielleitern am Küniglberg, wo der ORF seine Festung hat, zu klagen? Für die Ebene, auf der Shows und Krimis produziert werden, mag dieser Befund zutreffen. In der Chefetage sitzt jedoch ein Star, der es mit dem Kommissar aus der "Columbo"-Serie aufnehmen kann. Auch Gerhard Weis schlurft wie unbeteiligt durch die Szene, sammelt Informationen und sichtet Indizien, um am Ende als der unterschätzte, aber überlegene Strippenzieher übrig zu bleiben.

Diesmal könnte sich jedoch der Meister der Intrige in seinem fein gesponnenen Netz selbst verstrickt haben. Als der amtierende Generalintendant seine Bewerbung für das Amt des künftigen Generaldirektors abgab, warf er dem Gremium, das über die Bestellung zu entscheiden hat, den Fehdehandschuh hin. Sollte der ORF-Stiftungsrat eine "politische Leiche" suchen, dann stehe er dazu zur Verfügung.

Was als Akt der Demut erschien, war in Wahrheit ein Anfall von Hochmut: Weis behauptete mit dieser Unterstellung als dass die Stiftungsräte ferngesteuerte Marionetten der Parteizentralen wären und dass die Verhinderung seiner Wiederwahl einem politischen Mord gleichkäme. Dass er mit dieser Qualifizierung jedem Kandidaten, der nicht Gerhard Weis heißt, die Punze eines gekauften Parteisöldners auf die Stirn klebte, wird den Herrscher vom Küniglberg nicht gestört haben. Er war in der Wahl seiner Verbündeten und seiner Waffen nie wählerisch.

Weis spannte ein Netzwerk, das sich wie ein bleiernes Tuch über die politische Landschaft legte. ORF, Kronenzeitung und News spielten sich die Bälle zu und bildeten gemeinsam einen Lautsprecher, der jede andere Stimme übertönte.

Nicht nur die medialen Inhalte wurden gemeinsam transportiert, noch viel penetranter war das koordinierte Marketing, zu dem der aus Gebühren finanzierte öffentlich- rechtliche ORF zu Freundschaftspreisen seine Sender bereit stellte, um als Gegenleistung politisches und persönliches Lobbying für den Generalintendanten einzukaufen.

Nun aber scheint sich der Meistertaktiker selbst überdribbelt zu haben. Weis setzte darauf, die schwarz-blaue Koalition spalten zu können, indem er den Kärntner Landeshauptmann umgarnt und Jörg Haider jeden Wunsch bereits von den Lippen abliest. Die Vorleistungen, die Weis für Haiders Wohlwollen bereits erbrachte, waren beachtlich, doch dürfte er übersehen haben, dass diese Schützenhilfe - sollte sie wirklich versprochen worden sein - im entscheidenden Moment möglicherweise nichts zählt.

Er ging offenbar von der Annahme aus, dass es einen gemeinsamen Kandidaten der Koalition für den künftigen ORF-Generaldirektor geben wird. Das ist nicht der Fall. Deshalb können jene Stiftungsräte, die sich nicht der Koalition verpflichtet fühlen, für einen andern Kandidaten als Gerhard Weis stimmen, der sich in vermeintlicher Siegesgewissheit als der von Haider gewollte Kandidat ausgab.

Damit würde aus dem dramatischen Mord am Küniglberg bloß ein banaler Selbstmord.****

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