DER STANDARD-Interview mit Karl Schwarzenberg: "Gehen uns gegenseitig auf die Nerven" - Erscheinungstag 14.12.2001

Wien (OTS - Karl Schwarzenberg, ehemaliger Kabinettschef von Václav Havel, lobt den Temelín-Kompromiss zwischen Österreich und Tschechien, fürchtet aber noch innenpolitische Turbulenzen in beiden Staaten. Die nachbarschaftlichen Beziehungen werden noch länger getrübt bleiben, meint Schwarzenberg. Mit ihm sprach Robert Schuster.

Standard: Tschechien und Österreich haben sich nach einem mehrmonatigen Tauziehen in der Frage von Temelín und des offenen Energiekapitels bei den tschechischen Beitrittsverhandlungen mit der EU geeinigt, wie beurteilen Sie den Brüsseler Kompromiss in Hinblick darauf, was dort beide Seiten erreicht haben?

Schwarzenberg: Ich würde sagen, dass Kanzler Schüssel, der ein ausgezeichneter Verhandler ist, etwas erreicht hat, was kaum jemand erwartet hätte, nämlich eine Art rechtsverbindliche Verankerung der bilateralen Vereinbarung in das Protokoll über den Beitritt zur EU. Das ist insofern wichtig, weil es vorher keinen ähnlichen Fall gab. Auf der anderen Seite hat aber auch Tschechien erreicht, dass das lange Zeit offene Energiekapitel nun abgehakt und der ursprüngliche Zeitplan für die Beitrittsverhandlungen eingehalten werden kann. Es ist mir aber klar, dass beide Seiten die Vereinbarung noch auf dem innenpolitischen Feld verteidigen müssen. Die Regierungspartei FPÖ und Jörg Haider werden auch weiterhin gegen das AKW zu Felde ziehen. Aber auch in der tschechischen Regierung war der Widerstand gegen den Brüsseler Temelín-Kompromiss scheinbar weitaus größer, als vielleicht nach außen dringen konnte. Natürlich wird auch die ablehnende Haltung von Václav Klaus, dem Chef der größten Oppositionspartei des Landes, wohl noch für eine gewisse Sprengkraft sorgen. Im Großen und Ganzen wird also auf beiden Seiten noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen, um die Beziehungen wieder auf ein Niveau zu bringen, wie es zwischen zwei Nachbarn üblich sein sollte.

Standard: Es hatte lange den Anschein, als ob der Konflikt rund um Temelín von beiden Seiten nach dem Motto "alles oder nichts" geführt würde - mit dem Ziel, einen eindeutigen Sieg einzufahren. Kann sich nun also einer von den beiden Kontrahenten als Sieger fühlen?

Schwarzenberg: Schauen Sie, ein guter Vertrag kennt keinen eindeutigen Sieger oder Verlierer, sondern er ist für beide Seiten günstig. Die Tschechen haben den vorläufigen Abschluss des Energiekapitels erreicht, die Österreicher wiederum die faktische Einklagbarkeit der getroffenen Vereinbarung. Eine weitere Verbesserung der Sicherheit der Anlage ist im Interesse aller Beteiligten, und mich als Bewohner Südböhmens freut das natürlich im Besonderen.

Standard: Wie stark haben Ihrer Meinung nach die Auseinandersetzungen um Temelín die Substanz der tschechisch-österreichischen Beziehungen beeinträchtigt?

Schwarzenberg: Ich habe schon das Gefühl, dass dies der Fall ist. Aber man sollte eines nicht vergessen: Die tschechisch-österreichischen Beziehungen waren nie problemlos, sie sind durch die gemeinsame Geschichte beeinträchtigt, vor allem wie in den letzten 130 Jahren, und deswegen reagieren beide Seiten überempfindlich. Wir sind uns sehr ähnlich, ja, ich wage sogar zu behaupten, dass Österreicher und Tschechen ein Volk mit zwei verschiedenen Sprachen sind. Und weil das so ist, gehen unsere schlechten Eigenschaften dem Nachbarn ganz besonders auf die Nerven und umgekehrt. Darin liegt auch der Reiz dieser ungewöhnlichen Beziehung. Weil wir uns so ähnlich sind, machen wir die gleichen Fehler, haben den gleichen Kleinmut, sind manchmal übertrieben nationalistisch, um dann wieder vor den Großen den Kopf zu senken. Durch diese Gemeinsamkeiten gehen wir uns gegenseitig noch mehr auf die Nerven. Das ist wie in einer Familie, wo einem bei den Kindern auch am meisten jene schlechten Eigenschaften stören, die man selber hat. Und darin liegt die Schwierigkeit. Wie bereits erwähnt, geht das alles in die Geschichte zurück. Ich erinnere nur daran, dass nach 1918 in der neu gegründeten Tschechoslowakei die Parole der "Entösterreichisierung" ausgerufen wurde, womit alle diese schlechten Eigenschaften überwunden werden sollten, aber gerade diese Eigenschaften sind jene, von denen die Österreicher heute behaupten, sie gehörten zu ihrem tschechischen Erbe.

Standard: Sie sind auf beiden Seiten der Grenze zu Hause, pendeln regelmäßig zwischen Tschechien und Österreich. Was empfinden Sie dabei?

Schwarzenberg: Da kommt mir immer ein berühmtes Stück von Johann Nestroy in den Sinn, wo in einer Szene Holofernes die Bühne betritt und fragt: "Wer ist stärker? Ich oder ich?" In diesem Fall würde ich fragen, "Wer hat sich dümmer angestellt?", weil beide Seiten haben sich in den letzten Monaten wirklich dumm verhalten. Mich hat die ganze Zeit gestört, dass es auf der tschechischen Seite keine Bereitschaft gab, den Befürchtungen und Ängsten der Österreicher entgegenzuwirken und sie zu entkräften und das Problem noch in einer Phase zu lösen, wo es noch nicht dieses riesige Ausmaß hatte. Auf der anderen Seite habe ich 40 Jahre lang in Österreich gelebt und habe dort viele sehr gute Freunde gefunden, und umso mehr stört mich dabei so eine latent vorhandene und unterschwellige Grundhaltung einiger Österreicher, wonach die Tschechen zwar gute Diener und Köche seien, aber von solch komplizierten Sachen wie einem AKW lieber die Finger lassen sollten.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/428

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/04