DER STANDARD-Kommentar: "Arafat ersetzen - durch wen? Anstelle der Palästinenserbehörde könnte nur die totale israelische Besetzung treten" (von Gudrun Harrer) - Erscheinungstag 14.12.2001

Wien (OTS) - Danny Rubinstein, der auf palästinensische Angelegenheiten spezialisierte Kommentator der israelischen Tageszeitung Ha"aretz, sieht es etwas anders. Für ihn sind die jüngsten Anschläge, für die Israel Yassir Arafat direkt verantwortlich macht - mit allen Konsequenzen -, der Beweis dafür, dass Arafat die letzte Kontrolle über die islamistischen Organisationen verloren hat. Mit den Anschlägen "spuckten sie Arafat ins Gesicht", formuliert er es. Anderen Berichten zufolge wird in einigen Moscheen bereits gegen Arafat gepredigt, speziell im Gazastreifen, heißt es.

Aber dort kommt der Palästinenserchef vorläufig ohnehin nicht mehr hin. Ginge es nach dem israelischen Sicherheitsminister Uzi Landau, wäre Arafats nächste Station das Exil, Infrastrukturminister Avigdor Lieberman präsentierte bereits einen Teilungsplan der besetzten Gebiete. Das Triumphgeschrei der Ultrarechten in Israels Regierung einmal beiseite, muss man tatsächlich schwer bezweifeln, ob Arafat noch irgend etwas im Griff hat. Hinter vorgehaltener Hand geben das auch Mitglieder der Autonomiebehörde zu, und erstmals hat ein Palästinenser, Zohir Andreos, Herausgeber der palästinensischen Zeitung Kull al-Arab, Arafat schriftlich zum Rücktritt aufgefordert, "jetzt, mit dem palästinensischen Volk hinter ihm". Noch hinter ihm, meint er.

Wer soll ihn ersetzen? An der Nervosität in Amman und Kairo, die sich beschwichtigend zu Wort meldeten, kann man erkennen, was die so genannten gemäßigten Kräfte in der arabischen Welt befürchten: dass die Hamas bei den Palästinensern die Führung übernimmt. Abgesehen davon, dass das ein enormer Aufschwung für die ihre -undemokratischen und korrupten - Regime bekämpfenden Islamisten in der ganzen islamischen Welt wäre, dürfte es sich Israel auch nicht entscheidend verbessern. Aber das scheint ein Teil der Rechten in Kauf zu nehmen, als eine weitere Bestätigung dafür, dass mit den Palästinensern ohnehin nichts anzufangen sei.

Bei Israels Linker überwiegt hingegen die Sorge, dass alles nur noch schlimmer wird - erstmals kommt auch wieder aus den USA, die Sharon nach den Attentaten in Jerusalem und Haifa vor zehn Tagen freie Hand gegeben haben, leiser Widerspruch. Für US-Vermittler William Burns - wie auch für die wieder einmal völlig irrelevanten Europäer - "bleibt Arafat der Gesprächspartner", vielleicht wollen sie ihn ja bald in Tunis besuchen. Zwar hat Washington offensichtlich seine schützende Hand über das nackte Leben des Palästinenserführers gelegt, was dieser aber mit den aufgelösten Institutionen und der zerschossenen Infrastruktur tun oder lassen soll, ist nicht bekannt.

In Wahrheit weiß kein Mensch, wie es weiter gehen könnte. Das Gerede davon, Arafat zu ersetzen, macht wenig Sinn - wen eigentlich glauben die Israelis unter den Palästinensern zu finden, der unter diesen Umständen zur Kooperation mit ihnen bereit ist? Also bleibt, wie die Politologin Helga Baumgarten im Gespräch mit dem Standard meint, die völlige Zerschlagung der Palästinensischen Behörde und die Wiederaufnahme der totalen Besatzung. Und dann? Ende des Widerstands? Natürlich nicht, und deshalb mehren sich in Israel die Verfechter der unilateralen Trennung, das heißt des Abzugs der israelischen Armee aus den besetzten Gebieten (exklusive der allermeisten Siedlungen) mit gleichzeitigem "Mauerbau".

So eine Lösung, meint etwa die israelische Arbeitsministerin Dalia Itzig, würde keine hundertprozentige, aber eine achtzigprozentige Sicherheit bringen. Aber auch das ist dem halben Kabinett Ariel Sharons nicht recht, denn ein israelischer Abzug wäre ein Sieg à la libanesischer Hizbollah für die palästinensischen Militanten, dazu kommt die Sorge, dass aus dem Zaun, der Mauer eines Tages erst wieder eine Grenze werden könnte. Die aber, im Gegensatz zu einer durch Verhandlungen mit Arafat erreichten Grenze, niemals die Sicherheit Israels garantieren würde.

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