Verzetnitsch: "Wir trauern um einen großen Österreicher"

Wien (ÖGB). Mit einer Trauerrede nahm ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch heute am Wiener Zentralfriedhof Abschied von Altpräsident Anton Benya.++++

Die Rede im Wortlaut (Es gilt das gesprochene Wort):

Anton Benya war der lebende Beweis und Zeuge des Aufstieges unseres Landes aus den dunklen Tagen der Not, des Hasses, der Verfolgung, des Krieges hin zu einem blühenden Land im Wohlstand. Anton Benya durfte mitgestalten. Anton Benya hat mitgestaltet.

Ob als Lehrling in der Gewerkschaftsjugend, ob als Elektromechaniker, als Betriebsrat und Gewerkschaftsfunktionär, ob als Organisations- oder als Generalsekretär des ÖGB, ob als Abgeordneter zum Nationalrat, ob als Vorsitzender der Gewerkschaft der Metall- und Bergarbeiter, als Präsident des Nationalrates und vor allem als Präsident des ÖGB - im Mittelpunkt seines Handelns standen immer Menschen. Menschen am Arbeitsplatz, mit Interessen, Anliegen, Wünschen und Forderungen. Menschen, weit über unser Land hinaus, mit unterschiedlichen Ansichten, Hoffnungen und Zielen. Menschen, mit dem Wunsch nach Hilfe und Solidarität. Menschen, denen er die Ehre einer unerschütterlichen und lebenslangen Freundschaft in guten und schlechten Zeiten bot. Aber auch Menschen, die ihm als leidenschaftlichen Fußballer, Zuseher und Kommentator von Fußballspielen - vor allem von seiner Rapid - Freude und Ärger zugleich bereiten konnten.

Er stand mit an der Wiege der Paritätischen Kommission - einem typisch österreichischen Provisorium - welche den Weg zur Sozialpartnerschaft und damit zum Aufbau unseres Landes ebnete. Er schuf in seiner Gewerkschaft die Frauenlohngruppen in den Kollektivverträgen ab und bot damit die Basis für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit. Vieles, was heute als selbstverständlich gesehen wird - jedoch immer wieder verteidigt werden muss - wurde von ihm mitgestaltet und mitentschieden.

Er rief zur Toleranz auf - ohne seinen Grundsätzen untreu zu werden oder seine gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Wurzeln zu leugnen. "Bleiben wir offen, ehrlich zueinander, auch wenn wir hart diskutieren. Diskutieren wir die Probleme, achten wir aber auch auf die Meinung des anderen, bleiben wir tolerant", rief er im Mai 1977 den Gewerkschaftern zu. Diese Haltung prägte ihn bis zum Schluss. Gemeinsam mit dem legendären Präsidenten Sallinger gestaltete er mehr als 20 Jahre die Österreichische Sozialpartnerschaft. Er motiviert viele von den heute hier Anwesenden, Ideen, Vorschläge und Ziele für Österreich in die Sozialpartnerschaft einzubringen.

Heute wird diese Erfolgsgeschichte niemand kritisieren. Aber morgen werden sie wieder erklingen, die Stimmen der Kritiker, die nur die reine Marktwirtschaft und die Zurückziehung der Politik aus der Gestaltung der Lebensumwelt für Menschen in unserem Lande zu Gunsten egoistischer Ziele von Gruppen oder Einzelnen fordern.

Ihnen allen sei in Erinnerung gebracht: Sozialpartnerschaft bedeutet keine historische Verklärung, keine Lippenbekenntnisse. Sozialpartnerschaft bedeutet, den Blick nach vorne über alle Interessengegensätze hinweg zu richten. Bedeutet, Argumente des Gegenüber ernst zu nehmen und den Verhandlungspartner zu respektieren. So sah es Anton Benya und so gilt es auch noch heute.

"Das Ganze" war das Ziel Anton Benyas. Diese Einstellung hat auch zu den legendären Begegnungen der Gewerkschaftsbewegung mit der Kirche geführt. Er war es, der aus eigener Lebenserfahrung gewerkschaftliche Ziele mit allen demokratischen Mitteln konsequent und mit der ihm eigenen Deutlichkeit in der Sprache verfolgte. Er machte keine Politik mit dem Blick auf Quoten. Ihm ging es um die Aussage, die Sache, und nicht darum, ob man einen Beistrich mehr oder weniger setzt, ob man eine Schlagzeile in der Medienwelt gewinnt. Das schuf nicht immer Freunde, aber Anerkennung und Achtung.

Wer den Stolz Benyas auf "seinen Weltempfänger" - ein Ingelen-Radio - kannte, der verstand auch das Feuer, mit dem er sich für die Förderung der Facharbeit, für das lebensbegleitende Lernen aller Altersgruppen engagierte.

Benya als Freund und Vorbild erlebt zu haben, bedeutet, Ratschlag und Kritik immer offen aber nie öffentlich vermittelt zu bekommen. Bedeutet, aus seinem unerschütterlichen Optimismus - auch nach Niederlagen - die Kraft und Stärke für das Weiterarbeiten zu schöpfen.

Seine Schaffenskraft und Energie, verbunden mit Sachkenntnis, Optimismus und seinem starken Rückhalt in der Familie - seine Frau Hilde stand ihm mehr als sechzig Jahre in Freud und Leid zur Seite -machten ihn zu jener Person, die wir kennen, lieben, bewundern und der wir in tiefer Trauer gedenken.

Unsere besondere Anteilnahme gilt Hilde Benya und der gesamten Familie. Mögen sie aus der großen Anteilnahme, die in diesen Tagen zu spüren ist, jene Kraft schöpfen, die über den schmerzlichen Verlust hinweg die Erinnerung entstehen lässt. Die Erinnerung an einen Lebenspartner und Familienmenschen. Die Erinnerung an einen großen Österreicher.

Wir trauern um ein Vorbild, um einen Freund, um den ersten gewerkschaftlichen Vertrauensmann. Wir verneigen uns vor einem starken Anker der Gewerkschaftsbewegung. Dir "Toni" Benya, ein letztes "Glück auf!"

ÖGB, 13. Dezember 2001
Nr. 1091

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