FISCHER: BENYA WIRD BLEIBENDEN PLATZ IN UNSERER GESCHICHTE HABEN Ansprache von Präsident Fischer bei Gedenkveranstaltung

Wien (PK) - Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer führte anlässlich der Trauerkundgebung für Anton Benya wörtlich aus:

"Herr Bundespräsident! Liebe Frau Benya! Meine hochgeschätzten Damen und Herren!

Am Nachmittag des 5. Dezember 2001 ist der langjährige Präsident des österreichischen Nationalrates und langjährige Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes Anton Benya unerwartet im
90. Lebensjahr verstorben. Mit ihm ist zweifellos eine der markantesten Persönlichkeiten der Zweiten Republik, ein Baumeister des österreichischen Wohlfahrtsstaates und eine Symbolfigur unserer Sozialpartnerschaft von uns gegangen.

Seine wechselvolle, anfangs schwierige Beziehung zu Bruno Kreisky, aus der sich schließlich eine feste politische Achse entwickelt hat, ist ebenso legendär wie seine sachliche und menschliche Partnerschaft mit Rudolf Sallinger.

Von Bruno Kreisky haben wir uns im Juli 1990 in diesem Haus verabschiedet, von Rudolf Sallinger im März 1992, und heute müssen wir uns von Anton Benya verabschieden, der diesem Haus volle 30 Jahre hindurch - und davon 15 Jahre als Präsident des Nationalrates -angehört hat.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Im Einvernehmen mit dem Präsidenten des Bundesrates und in Übereinstimmung mit allen Parlamentsfraktionen wurde zu der heutigen Gedenkveranstaltung eingeladen, und ich danke Ihnen allen, die sie dieser Einladung Folge geleistet haben und damit ihre Wertschätzung für den Verstorbenen zum Ausdruck bringen. Mein besonderer Dank gilt dem Herrn Bundespräsidenten, der auch das Wort ergreifen wird, sowie den Mitgliedern der Bundesregierung, des Nationalrates, des Bundesrates und zahlreichen Repräsentanten des Bundes und der Länder und auch früheren Funktionsträgern dieser Republik.

Für die Witwe von Anton Benya ist es sicher eine berührende menschliche Geste, dass auch die Witwe von Rudolf Sallinger, Frau Antonia Sallinger, anwesend ist.

Und die Präsenz von Kardinal DDr. Franz König zusammen mit dem Nuntius ist nicht nur eine große Auszeichnung, sondern hat symbolischen Charakter. Hat doch Präsident Benya im Feber 1973 den damaligen Wiener Erzbischof DDr. König zu einer Bundesvorstandssitzung im österreichischen Gewerkschaftsbund eingeladen und damit ein weithin sichtbares und bis heute wirksames Zeichen des Dialoges und der Aussöhnung zwischen Kirche und Arbeiterschaft gesetzt.

Besonders herzlich heiße ich auch die zahlreichen Weggefährten, Freunde, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Präsident Benya und alle Teilnehmer an dieser Gedenkveranstaltung willkommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Bei der Verabschiedung von Rudolf Sallinger hat Anton Benya in einer sehr berührenden Rede in diesem Saal gemeint, es gehöre zu den bittersten Augenblicken, letzte Worte des Abschiedes sprechen zu müssen und zu versuchen, "Trauer in Worte zu kleiden".

Heute ist es so, dass wir versuchen müssen, unsere Trauer über den Tod von Anton Benya in Worte zu kleiden, den wir als Staatsmann verehrt haben, als sozialdemokratischen Politiker geschätzt haben und den wir vor allem als Mensch und Freund ins Herz geschlossen haben. Ich kenne kaum jemanden, auf den der Satz von der rauen Schale und dem weichen Kern so exemplarisch zutrifft wie auf Anton Benya. Er konnte hart und beharrlich einen Standpunkt vertreten und ein Gremium oder eine Organisation mit fester Hand leiten. Er konnte beinhart verhandeln und die raue Schale dabei hervorkehren; aber darunter -viele wissen es - verbarg sich der weiche Kern eines sensiblen Menschen, der mitfühlen und mitleiden und mittrauern konnte und dem Freundschaft viel bedeutete und der in bestimmten Situationen tiefe persönliche Rührung nicht verbergen konnte. Viele von Ihnen erinnern sich vielleicht an die berührende Szene, als sich Anton Benya am 17. Dezember 1986 nach der Amtsübergabe an seinen Nachfolger Leopold Gratz im Sitzungssaal des Nationalrates mit Tränen in den Augen von diesem Hohen Haus verabschiedete, und es sind uns ähnliche Szenen in Erinnerung, zum Beispiel bei der Verabschiedung von Franz Jonas oder eben bei der Verabschiedung von Rudolf Sallinger.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Sie wissen, Anton Benya wurde im Oktober 1912 in Wien geboren. Er erlernte den Beruf eines Elektromechanikers und war schon als Lehrling in der Gewerkschaftsjugend tätig.

Mit 21 Jahren wurde er zum ersten Mal zum Betriebsrat gewählt - eine Funktion, in der er anderen Menschen helfen konnte. Er behielt übrigens zeitlebens größte Hochachtung für die Funktion eines Betriebsrates, und ich meine, dass er sich im Grunde auch nach seiner Wahl zum ÖGB-Präsidenten als der erste Betriebsrat der Republik verstanden hat.

1937 wurde er wegen illegaler politischer Betätigung inhaftiert, und von 1938 bis 1945 konnte er keine politischen Funktionen ausüben, und war in einem Rüstungsbetrieb beschäftigt.

Unmittelbar nach Kriegsende stellte er sich wieder als Betriebsrat bei der Firma Ingelen zur Verfügung und begann mit seiner gewerkschaftlichen Tätigkeit.

1962 wurde er als Nachfolger von Karl Maisel zum Vorsitzenden der Metallarbeitergewerkschaft gewählt, deren Ehrenvorsitzender er bis zu seinem Lebensende geblieben ist.

Von 1963 bis 1987 war Anton Benya Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Er wurde 1956 als Mandatar der SPÖ zum ersten Mal in den Nationalrat gewählt und war von 1971 bis 1986 dessen Präsident.

Das sind die Stationen einer politischen Laufbahn in knappen, trockenen Daten. Dahinter verbirgt sich eine jahrzehntelange engagierte, vielseitige, zeitraubende, anstrengende, aber erfolgreiche Arbeit im Dienste unseres Landes, durch die er zum sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg Österreichs sicher sehr wesentlich beigetragen hat.

Anton Benya war zweifellos wie viele seiner Zeitgenossen geprägt von den dramatischen Ereignissen der Ersten Republik. Im privaten Gespräch ist er immer wieder auf seine diesbezüglichen Erlebnisse und Erfahrungen zurückgekommen, und es war sein politisches Credo, dass sich das einfach nicht mehr wiederholen dürfe; dass man aus der Geschichte lernen müsse; dass man Probleme am Verhandlungstisch besser lösen kann, als auf der Straße. Und vor allem, dass es leichter ist, vom Verhandlungstisch aufzustehen und wegzugehen, als wieder dorthin zurückzukehren.

Auf der anderen Seite wusste Benya aber auch, dass einem - wenn ich es so formulieren darf - in der Politik nichts geschenkt wird, dass es zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, aber auch zwischen den Parteien echte Interessensgegensätze gibt, denen man sich stellen und die man austragen muss.

Was ihn dabei auszeichnete, war sein sicheres Augenmaß für das Zumutbare. Seine einzigartige Mischung aus Härte und der Fähigkeit zum Kompromiss. Seine Fairness auch in der härtesten Auseinandersetzung.

Ich erinnere mich, dass ich mit Anton Benya und seiner Gattin - Du erinnerst dich auch - im Sommer 1968 von seinem Urlaubsort Kleinkirchheim aus eine Bergwanderung in die Kärntner Nockberge machte. Damals, in der Zeit der ÖVP-Regierung von Bundeskanzler Klaus, gab es heftige Auseinandersetzungen über das weitere Schicksal der verstaatlichten Industrie in Österreich. Der wichtigste Gegenspieler von Anton Benya in dieser Frage war der damalige ÖVP-Generalsekretär Hermann Withalm, der in manchen Charakterzügen ähnlich beschrieben werden kann wie Anton Benya. In den Zeitungen ist damals sogar über die Möglichkeit eines Generalstreikes spekuliert worden, und Benya hat das nicht von vornherein ausgeschlossen; aber er hat sorgfältigst nachgedacht über das Mögliche und das Zumutbare.

Er hat versucht, auch mit dem Kopf der anderen Seite zu denken. Und er hat nicht aus den Augen verloren, wie hoch der Preis ist, den man für einen Kompromiss zahlen muss und darf, aber auch, wie hoch der Preis ist, den man für den Konfliktfall zahlen muss.

Und wir wissen, dass dann bis an die Grenzen des Zumutbaren verhandelt und zuletzt doch eine Lösung gefunden wurde. Immer wieder ist Anton Benya in schwierigen politischen Situationen nach diesem Schema vorgegangen. Fast immer sind gemeinsame Lösungen gefunden worden, und meistens waren es gute Lösungen. Ich denke, dass wir daraus lernen können und lernen sollten.

Meine Damen und Herren!

Es ist schon in Nachrufen von verschiedenen führenden Persönlichkeiten festgestellt worden, dass er die österreichische Sozialpartnerschaft mit Leben erfüllt hat, und er hat für diese Sozialpartnerschaft gelebt. Das allein würde ihm einen fixen Platz in der Geschichte der Zweiten Republik verschafft haben.

Aber der Verstorbene war auch an vielen anderen Weichenstellungen beteiligt. Er hat nicht immer Recht behalten, aber er hat immer geradlinig und im Sinne seiner Überzeugung gekämpft und argumentiert.

Er wurde 1971 zum Präsidenten des Nationalrates gewählt. Und ich darf daran erinnern, dass dieser Entscheidung eine lange Tradition der Zweiten Republik vorausgegangen ist. Auch ÖGB-Präsident Johann Böhm, Vizepräsident Hillegeist oder Präsident Franz Olah hatten Funktionen im Präsidium des Nationalrates inne. Dennoch war diese Aufgabe zunächst Neuland für Anton Benya. Aber er hat sich in hervorragender Weise an diese Aufgabe gewöhnt, und das Haus hat sich an Anton Benya gewöhnt, auch an seine volkstümliche Sprache, auch an seine Festigkeit und an seine Würde, die er ausstrahlte.

Herr Bundespräsident, Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Was am schwierigsten ist, aber dennoch versucht werden muss, ist, auch den Menschen Anton Benya über das bereits Gesagte hinaus zu würdigen: Seine Fähigkeit zu verlässlichen lebenslangen Freundschaften. Sein ausgeprägtes Gefühl für Kameradschaft. Seine sprichwörtliche Bescheidenheit und seine ungekünstelte Volksverbundenheit.

Ich möchte auch in dieser traurigen Stunde seinen Sinn für Humor, seine Lebensfreude und seine Begeisterungsfähigkeit nicht unerwähnt lassen. Dass er einen Teil dieser Begeisterungsfähigkeit auch seinem Lieblingssport, dem Fußball, und seinem Lieblingsklub Rapid gewidmet hat, wissen wir alle.

Zuletzt darf ich mich an Hilde Benya wenden, die mit Anton Benya 66 Jahre lang verheiratet war und in guten und schwierigen Zeiten seinen Weg begleitet und Freuden und Sorgen mit ihm geteilt hat. Dir, liebe Hilde, gilt unsere Anteilnahme und unsere Zuneigung.

Meine Damen und Herren!

Die Familie des Verstorbenen, die sozialdemokratische Bewegung, der österreichische Gewerkschaftsbund, der österreichische Nationalrat und die gesamte Republik haben durch den Tod von Anton Benya einen großen und schmerzlichen Verlust erlitten.

Was uns vielleicht ein bisschen trösten kann, ist, dass Anton Benya einen festen und bleibenden Platz in der Geschichte unseres Landes hat und dass wir ihn ganz sicher in guter und warmer und dauerhafter Erinnerung behalten werden." (Schluss)

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