"Kleine Zeitung" Kommentar: "Unfestliches Fest (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 8.12.2001

Graz (OTS) - Nur wenige - auch Katholiken - werden genau wissen, was das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariä, das heute von der Kirche begangen wird, eigentlich bedeutet. Sein Inhalt ist der kühne Gedanke, dass die Mutter Jesu nicht das Schicksal aller Menschen teilt und vom Beginn ihrer Existenz vom "Makel der Erbsünde" befreit ist.

Das Fest hat eine lange, allein österreichische Tradition. Es wurde von Kaiser Ferdinand III. während des Dreißigjährigen Kriegs zum Dank dafür eingeführt, dass Wien nicht von den Schweden erobert wurde. Die Nazis schafften das Fest ab, erst 1955 wurde es nach einer großen Unterschriftenaktion durch den Nationalrat wieder eingeführt.

Im selben Jahr wurde übrigens ein anderer Feiertag eingeführt, dessen Ursprung ebenfalls vielen unbekannt sein dürfte: der Nationalfeiertag am 26. Oktober, der damals noch "Tag der Fahne" hieß, weil das Wort "national" aus der erst kurz zurückliegenden Nazi-Zeit zu belastet war. Mit diesem Tag sollte die Erinnerung an den Beschluss des Nationalrates über das "Verfassungsgesetz über die immerwährende Neutralität" immerwährend wach gehalten werden. Heute wird er als Volkswandertag begangen.

Für das heutige Fest hat sich dieser Dezembertag als Unglück herausgestellt. Es ist in den letzten Jahren zunehmend in den Strudel des vorweihnachtlichen Kommerzes geraten. Der große "Widerstand" oder gar die "Mobilmachung", wie es hieß, gegen das Offenhalten der Geschäfte an diesem Tag, den die Kirche noch vor ein paar Jahren ausgerufen hat, ist versiegt. Man hat sich damit abgefunden. Es gibt aber nicht einmal mehr eine Debatte über dieses "österreichische Sonderangebot", wie es ein Kommentator ironisch nannte.

Hunderttausende werden heute in die Geschäftsstraßen und Einkaufszentren strömen und das Fest auf ihre Weise begehen. Einkaufen samt Ausflug und Essen ist ja unterdessen zu einer Art säkulärem Fest geworden. Dass die Menschen dabei ihrer eigentlichen Würde so fürchterlich entfremdet seien, wird man weder von den Käufern noch vom verkaufenden Personal sagen können.

Soll man sich also der normativen Kraft des Faktischen ergeben? Keineswegs. Man muss sich aber fragen, worum es sich zu streiten lohnt und welche Verbündete man hat. Beim 8. Dezember hört man jedenfalls schon lang keinen Protest der Gewerkschaft mehr, die die Kirche gern als einen Partner in dieser Frage hält.

Mit dem Argument der Wahrung sozialer Besitzstände wird man weder Sonntage noch Feiertage vor dem mächtigen Zugriff der Ökonomie und ihrer sehr plausiblen Logik retten können. Denn freie Tage kann man mit flexiblen Arbeitszeiten auch sehr praktisch über die ganze Woche verteilen.

Selbst wenn mancher (übrigens nicht nur kirchliche!) Feiertag nicht mehr als solcher zu bewahren ist, der Sonntag darf nicht auch noch unter die Räder kommen. Er ist eine der großen sozialen und kulturellen Errungenschaften Europas.

Aber auch der Sonntag wird nicht zu halten sein mit bloßer Rhetorik, sondern mit beharrlicher Praxis von möglichst vielen Leuten, die ihn respektieren.****

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