Notruf-Team44: Unfallhilfe für Berufskraftfahrer

Anruf genügt. Mit Dezember 2001 können Berufskraftfahrer psychologische und rechtlich-soziale Unterstützung in Anspruch nehmen

Wien (OTS) - Bis August 2001 ereigneten sich 1288 Unfälle mit Lkw-Beteiligung (größer als 3,5 t), dabei wurden 1744 Personen verletzt und 71 getötet. Im Busverkehr ereigneten sich im selben Zeitraum 476 Unfälle mit 848 Verletzten und 27 Getöteten. Ein schwerer Unfall kann für Berufskraftfahrer nicht nur physische, sondern auch psychische Belastungen nach sich ziehen. Im schlimmsten Fall führt dies zu Arbeitsunfähigkeit und Kündigung. Um menschliches Leid zu lindern, eine schnellstmögliche Wiederaufnahme der Berufstätigkeit zu unterstützen und um die Verkehrssicherheit zu erhöhen, wurde das Projekt "Psychosoziale Nachsorge von Berufskraftfahrern nach schweren Unfällen" zur Verbesserung von Sicherheit und Gesundheit in der Arbeitswelt ins Leben gerufen. Ausgehend von einer Initiative der Gewerkschaft HTV, Kammern für Arbeiter und Angestellte, Wirtschaftskammer Österreich und AUVA wurde das Institut für Verkehrspsychologie des Kuratorium für Verkehrssicherheit sowie ppm forschung + beratung, mit der Projektleitung betraut.

Notruf-Team44

"Menschen, die einen schweren Verkehrsunfall erlebt haben, leiden unter einer akuten Belastungsreaktion. Diese kann sich in einem plötzlich auftretenden unwillkürlichen Wiedererleben des Unfalles, in Übererregtheit, Schlafstörungen, Gereiztheit, in dem Gefühl der Abgestumpftheit und der Vermeidung von Reizen, die an das Trauma erinnern, äußern. Wichtig ist, dass die psychologische Nachbetreuung bald nach dem Unfall beginnt - am besten innerhalb der ersten 72 Stunden. So kann eine posttraumatische Belastungsstörung gelindert oder gar ganz verhindert werden", erklärt Diplompsychologin Anette Christ-Hohmann vom KfV. Die Symptome können 4 - 6 Wochen anhalten. Eine Betreuung in diesem Zeitraum mindert Stärke und Häufigkeit der Symptomatik. Unter der Notrufnummer 0664/44 0 44 44 wird ein österreichweites Netz an geschulten BetreuerInnen helfen - das Notruf-Team44, dessen Aufbau von AUVA, Verkehrssicherheitsfonds des BMVIT und dem Fonds Gesundes Österreich finanziert wird. Verunfallten Berufskraftfahrern (Lkw oder Bus) und selbstfahrenden Unternehmern wird psychologische Betreuung zur Verfügung gestellt, und sie werden auf Wunsch in sozialen und rechtlichen Belangen beraten. Dieses Angebot dient vor allem der Bewältigung des belastenden Unfallerlebnisses. Sind 4-6 Wochen nach dem Unfallereignis noch massive Beeinträchtigungen spürbar, kann auf Wunsch des Betroffenen eine Vermittlung zu Einrichtungen erfolgen, welche die Betreuung weiterführen. Eine mögliche Finanzierung der anfallenden Kosten im psychologischen Bereich wird mit dem Betroffenen erörtert.

Ohne Nachbetreuung 20-30% beeinträchtigt

Leidet jemand länger als 6 Wochen unter den genannten Zuständen, liegt eine Posttraumatische Belastungsstörung vor (PTBS oder PTSD). Eine PTSD ist krankheitswertig. Daher wird auch eine Behandlung durch eine/n Psychotherapeuten/in zum Teil von den Krankenkassen mitfinanziert (länderabhängig). Studien über psychische Folgen durch Verkehrsunfälle berichten davon, dass 20-30% der Beteiligten Beeinträchtigungen durch posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) erfahren, wenn sie keine psychologische Nachbetreuung erhalten. PTSD äußert sich u.a. in Angststörungen, Depressionen, Gereiztheit, erhöhter Aggression, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen u.ä. Besonders schwerwiegend sind diese Folgen bei Berufskraftfahrern, da diese, um ihren Arbeitsplatz zu behalten, wieder sehr bald nach dem Unfall, sofern sie physisch genesen sind, ein Schwerfahrzeug oder einen Bus lenken müssen. Die Unfallgefährdung ist bei einer möglichen psychischen Beeinträchtigung wesentlich erhöht. Bis zu einem Drittel der Betroffenen, das entspricht pro Jahr in Österreich ca. 200 Menschen, sind langfristig aufgrund dieser schweren emotionalen und psychischen Belastungen in ihrer Handlungsfähigkeit deutlich eingeschränkt und müssen aus ihrem Beruf ausscheiden.

Unfallhilfe freiwillig

Das für Österreich einzigartige Projekt "Notruf-Team44" wird von den Mitarbeitern der Gewerkschaft HTV, Kammern für Arbeiter und Angestellte, der Wirtschaftskammer Österreich sowie dem Kuratorium für Verkehrssicherheit durchgeführt. Karl Lewisch, Zentralsekretär der Gewerkschaft Handel, Transport und Verkehr: "Unser Angebot beruht auf Freiwilligkeit - Thema und Intensität der Gespräche bestimmt der Betroffene selbst." Der selbstfahrende Unternehmer wird von Mitarbeitern der WK betreut. Die Beratungsgespräche sind vertraulich und unentgeltlich. Lewisch: "Ich glaube, dass sich mit Unterstützung der Betriebsräte und der Sicherheitsvertrauenspersonen schnell herum sprechen wird, wie sinnvoll dieses Angebot ist." Für diesen Personenkreis wird es spezielle Schulungen geben. Externe Institutionen und niedergelassene Psychologen/innen und Therapeuten/innen werden, soweit das im Projektrahmen vorgesehen ist, mit eingebunden. Bis Ende 2002 wird es die Unfallhilfe für Berufskraftfahrer als Pilotprojekt geben. Dann soll dieses Service als ständiges Angebot weitergeführt werden.

Psychische Belastung nach traumatischen Ereignissen immer öfter anerkannt

Psychologische Betreuung von Arbeitnehmern wird zunehmend akzeptiert und von den Betroffenen auch in Anspruch genommen. So haben in Österreich bekannte Unternehmen und Organisationen, wie die Austrian Airlines, Rotes Kreuz, ÖBB und Bundesheer, ähnliche Betreuungsmöglichkeiten für deren Mitarbeiter geschaffen. In Holland bietet BGZ Wegvervoer, eine Organisation, die sich um betriebliche Sicherheit und Gesundheitsförderung bemüht, seit mehr als 10 Jahren "Traumabegleitung" für Arbeitnehmer in der Transportwirtschaft an. Zur Zeit betreuen sie ca. 100 Personen pro Jahr. "Psychosoziale Nachsorge ist aus unserem Programm nicht mehr wegzudenken. 85% der Transportunternehmen in Holland nutzen unser Angebot, denn sie haben erkannt, dass gesunde und zufriedene Arbeitnehmer im Interesse des Unternehmens sind", konstatiert Ad Smit (Direktor von BGZ).

Kontakt

Schon beim Erstkontakt über die Notrufnummer 0664- 44 0 44 44 wird der Fahrer tagsüber, auch an den Wochenenden, von speziell geschultem Personal betreut. Für die Nachtzeiten wird vorerst ein Tonbanddienst über die weitere Vorgangsweise informieren. Der Betroffene erhält, nachdem die wichtigsten Daten erhoben wurden, wenig später von einem Notfallpsychologen den Rückruf, um einen Termin für ein ausführliches Beratungsgespräch zu vereinbaren. Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.notruf-team44.at.

Rückfragen & Kontakt:

Kuratorium f. Verkehrssicherheit
Tel: 71770 - 225
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