Polen-Symposium: Nach EU-Erweiterung 23.800 Pendler pro Jahr (3)

AK-Experte Chaloupek: Option auf Verlängerung der Übergangsfristen bei EU-Osterweiterung nötig

Wien (ÖGB). "Sieben Jahre Übergangsfrist für den Freien Personenverkehr sind zu kurz," erklärte Dr. Günther Chaloupek, Leiter der Abteilung Wirtschaftswissenschaften und Statistik der AK Wien, im Rahmen des heutigen Symposiums über den EU-Beitritt Polens.++++

"Die Anrainerstaaten der Beitrittskandidatenländer müssen über die effektive Einführung der Freizügigkeit mitentscheiden können," so Chaloupek. Österreich müsse schließlich bei einem EU-Beitritt Polens, Tschechiens, der Slowakei, Ungarns und Sloweniens im Jahr 2005 mit einem jährlichen Zustrom von 41.800 Arbeitskräften rechnen, 23.800 davon kämen als Pendler.

Selbst bei einem anhaltenden Wirtschaftsboom in den Beitrittskandidatenländern würden wichtige die Voraussetzungen für die Integration der Arbeitsmärkte noch nicht erfüllt, führte Chaloupek weiter aus. "Durch die geographische Lage ist Österreich von der Freizügigkeit der Arbeitskräfte weit stärker betroffen als andere EU-Länder," so Chaloupek der weiters feststellte: "Geschätzte 13 Prozent des jährlichen Zustroms aus den Beitrittskandidatenländern werden auf uns (Österreich) entfallen." Noch sei das Kapitel zwei der EU-Erweiterungsverhandlungen, nämlich das des Freien Personenverkehrs, mit Polen noch nicht abgeschlossen. Der AK-Experte sprach Polen in seiner ökonomischen Analyse auch Lob aus: "Wenngleich sich das wirtschaftliche Wachstum in Polen derzeit stark eingebremst hat," so Chaloupek, "liegt Polen jedoch als einziges Transformationsland sehr deutlich über dem Ausgangsniveau der Wende von 1989/90." Ein herber Rückschlag, wie ihn Tschechien erlebt habe, werde Polen wohl erspart bleiben, erklärte Chaloupek.

"Der wichtigste Grundstein für ein weiteres Aufholen der Mittel-und Osteuropäischen Länder (MOEL) ist mit der raschen und durchgreifenden Umstrukturierung des Exports gelegt," so Chaloupek. Bei der Privatisierung und der Anpassung der inneren Preisstrukturen ergebe sich zwar ein differenzierteres Bild, "der spektakuläre Erfolg" in der Exportwirtschaft sei jedoch die Bedingung für einen wirtschaftlichen Aufholprozess der MOEL.

Dennoch seinen am Arbeitsmarkt die Auswirkungen der Strukturreform noch deutlich sichtbar. Chaloupek: "Im Vergleich zu der EU-Arbeitslosenrate von durchschnittlich 7,7 Prozent weise Polen eine Arbeitslosigkeit von 18,6 Prozent im Jahr 2001 auf. Die österreichische Arbeitslosenrate stellt zwar keinen Anlass zur Zufriedenheit dar, sie ist im internationalen Vergleich jedoch noch akzeptabel.

Für Österreich erwartet Chaloupek durch die EU-Erweiterung ein zusätzliches BIP-Wachstum von 0,3 Prozent, da ein Großteil der positiven Handelseffekte bereits durch die Ostöffnung eingetreten sei. In Polen hingegen werde mehr als ein Drittel des zusätzlichen Wirtschaftsschubes aus den Transfers durch die Erweiterung entstehen. Eine wichtige Annahme und Bedingung des BIP-Wachstums seien die internen Preisstrukturen, so der AK-Experte. "Während es zwischen EU-Ländern mit annähernd gleichem BIP nur sehr geringe Kaufkraftunterschiede gibt, ist das Verhältnis der realen und nominellen Kaufkraft der Löhne in den Beitrittsländern scheinbar nicht direkt vom BIP abhängig."

In den MOEL sei eine Preisstrukturanpassung nötig, die, solle sie nicht durch Deflation entstehen, einen stärkeren Preisschub mit sich ziehen würde. Als Konsequenz daraus müssten auch die Nominallöhne und Transferzahlungen entsprechend angepasst werden. "Das wird aber auch die Dezimierung etlicher Industrieunternehmen zur Folgen haben, mit Konsequenzen für die Arbeitslosigkeit," erklärte Chaloupek.

Da in Polen die Preisstrukturanpassung bereits 1993 stark fortgeschritten sei, habe das Land in Vergleich zu Tschechien und Ungarn den geringsten Anpassungsbedarf, so Chaloupek. Ein ungelöstes Problem sah der Experte in der Frage, wie bei einer Übernahme der einheitlichen europäischen Währung durch die Beitrittsländer die Anpassungen in den Preisstrukturen bewältigt werden können. Dafür bestünden bis heute keinerlei praktische Erfahrungswerte.(tb)

ÖGB, 6. Dezember 2001
Nr. 1066

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