OVS040: Der Autofahrer, das irrationale Wesen

Wien (OTS) - Vier Experten nahmen gestern auf Einladung der ÖAMTC AKADEMIE zur Frage Stellung, warum Autofahrer nicht alles daran setzen, so schnell wie möglich an ihr Ziel zu gelangen. Sie alle kamen zum Schluss, dass die scheinbare Irrationalität stets auch einer klaren Logik folgt. Allerdings nicht immer jener, sich rasch und effizient fortbewegen zu wollen. Die von vielen als Lösung gepriesene elektronische Steuerung des Verkehrs unter Ausschaltung der Lenker sehen die Fachleute mit großer Skepsis. Die Telematik, so die durchgängige Auffassung, sei nicht in der Lage, die unterschiedlichen, oft unbewussten Bedürfnisse der Autofahrer zu befriedigen.

"Der Autofahrer, das irrationale Wesen" lautete das provokante Motto einer Veranstaltung, die die ÖAMTC AKADEMIE im Rahmen ihrer Reihe "Mensch in Bewegung" gestern Nachmittag in den Räumen des Presseclub Concordia abhielt. Vier ReferentInnen aus unterschiedlichen Fachgebieten waren eingeladen, über den "Zug der Lemminge, und was ihn bewegt" zu reflektieren. Es ging um die Frage, warum so viele Menschen nicht logisch auf Verkehrsinformationen reagieren und warum sie den Stau nicht scheuen, sondern mitunter sogar zu suchen scheinen.

In ihrer Einleitung wies die Geschäftsführerin der ÖAMTC AKADEMIE, Dr. Christine Zach darauf hin, dass heute in der Werbung bereits Produkte angepriesen werden, die den Autofahrern Hilfe und Komfort im Stau verheißen. Nicht mehr die Vermeidung, sondern Freude am Stillstand scheint eine mögliche, neue Logik zu sein.

Der Physiker, Prof. Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg berichtete über neue mathematische Modelle zur Beschreibung von Verkehrsvorgängen, die auf dem Verhalten von Sandkörnern aufbauen. In der Computersimulation könnten heute Daten von Millionen Fahrzeugen in "mehrfacher Echtzeit" (d.h. schneller als in der Realität) abgebildet werden. Unter Einbeziehung von Online-Verkehrsinformationen seien damit weitaus exaktere Verkehrsvorhersagen als früher möglich. Die große Unbekannte bildeten allerdings die Autofahrer mit ihrer nicht prognostizierbaren Reaktion auf die gegebenen Informationen. Wenn es also nicht immer "rieselt", wie bei Sandkörnern, sondern oft arg klumpt, läge das an den Menschen, die ein Verhalten setzen, das im Widerspruch zur Logik der Verkehrswissenschaftler stehe. Schreckenberg wies auch darauf hin, dass logisches Verhalten dann, wenn es alle gleichzeitig praktizieren, erneut zu Problemen führen kann. Wenn etwa die Mehrzahl der Autofahrer an einem prognostizierten Stauwochenende auf ihren Ausflug verzichten, um "vernünftig" ihren Kurzurlaub auf das nächste Wochenende zu verlegen, ergibt das erst recht wieder ein, diesmal unerwartetes Stauproblem.

Durch Fehlverhalten, wie etwa zu geringe Abstände zwischen den Autos wird der Stau verstärkt, betont der Experte. Wichtig sei, so Schreckenberg, die Fahrzeuge in - wenn auch noch so langsamer - Fahrt zu halten. Die Empfehlung des Experten klingt paradox: Die Autofahrer sollten lernen, qualifiziert zu "trödeln". Er rät zu gleichmäßigem Fahren mit Antizipation (Versuch, auf wahrscheinlich eintretende Vorgänge schon im voraus zu reagieren) und optimale Anpassung an das Verkehrsgeschehen.

Die Telematik werde sich in den nächsten Jahren rasant entwickeln, meint Schreckenberg. So könnten schon bald entgegenkommende Autos dem eigenen Fahrzeug Informationen über das Geschehen auf den nächsten Kilometern der Fahrtstrecke übermitteln. Ob dann die Autolenker auch wirklich logisch auf die verfügbaren Daten reagieren werden, bezweifelt der Experte allerdings.

Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Peter Vitouch hält Menschen grundsätzlich für lernbereit. Wenn also scheinbar absurde Reaktionen auftreten, so sollte man analysieren, worin diese begründet sind.

Es müsse nach dem Vorteil gesucht werden, so Vitouch, den die Autofahrer im Stau erleben. Das Auto wird vom Menschen, der von jeher nach Kontrolle seiner Umwelt strebt, als das eigene Territorium, als privater Raum erlebt. Er trifft beim Fahren seine eigene Wahl, bestimmt scheinbar selbstständig über sein Schicksal.

Die moderne Technik erlaubt dem Autofahrer heute auch, aus dem Fahrzeug so zu kommunizieren, als ob er sich in seinem Büro oder in seiner Wohnung befände. Für manche, so der Kommunikationsexperte, sei das Stehen im Stau überdies eine seltene Gelegenheit, einmal nicht "verfügbar" zu sein. Wer im Stau steckt, kann eine allgemein akzeptierte Pause von der Leistungsgesellschaft machen.

Auch der Kommunikationswissenschaftler sieht in der Telematik keine Lösung der Verkehrsproblematik. Ein automatisiertes Verkehrsleitsystem wird von den Autofahrern als Einschränkung ihrer Gestaltungsmöglichkeiten abgelehnt werden. Oder es würde die Leute dazu bringen, gleich in den Zug zu steigen, meint Vitouch.

Dr. Helene Karmasin, Leiterin des Instituts für Motivforschung wies darauf hin, dass das Auto in unserer Gesellschaft zu einem hochrangigen kulturellen Objekt geworden ist. Autos sind Erlebnismaschinen, die neben ihrem funktionalen Nutzen auch als Symbole für unsere Identität stehen. Die Type, die Größe, die Farbe und die Form des jeweiligen Autos drücken ein gesellschaftlich codiertes Bild des Besitzers aus.

Das Auto sei mit der Industriegesellschaft in unsere Kultur gekommen, erläuterte Karmasin. Nach der Ablösung der Ständegesellschaft mit ihren klaren sozialen Über- und Unterordnungen sei in der Industriegesellschaft ein neues Statussymbol erforderlich geworden. Das Auto habe diese Funktion übernehmen können, weil es zwei statusgenerierende Symbole in sich vereint: den Wunsch nach Individualität und jenen nach Mobilität. Darum sei jeder Appell, man möge das Auto "verlassen" und sich anderer Verkehrsmittel bedienen, so lange zum Scheitern verurteilt, wie sich die Gesellschaft und ihr Wertesystem nicht geändert habe. Es wäre jedenfalls höchst simpel anzunehmen, so Karmasin, dass ein so komplexes Objekt wie das Auto ausschließlich unter rationalen Gesichtspunkten gekauft und gefahren würde.

Die Telematik würde nur dann erfolgreich sein, wenn es gelänge ein System zu implementieren, das den Menschen das Gefühl gibt, weiterhin an den Schalthebeln zu sitzen. So wie das moderne Fertiggericht vorspiegelt, dass man selber kocht, so müsste auch ein Verkehrsleitsystem Platz für scheinbar selbstbestimmtes Lenken lassen.

Prof. Stephan Rudas, der Leiter des Instituts für psychosoziale Forschung in Wien, sprach in seinem Referat ein ganzes Bündel von unbewussten Vorgängen an, die beim Autofahren geweckt werden: Ängste, Wünsche, Ablehnungen, Triebe, sie alle kommen in der "privaten Höhle Auto" in uns hoch, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Auto fahren habe ganz offensichtlich wenig damit zu tun, dass Menschen auf ökonomische Art und Weise von Punkt A nach Punkt B gelangen wollen. Schon allein der Umstand, dass meist nur eine Person in einem Fahrzeug für fünf Personen sitzt und sich viele Stunden damit im Stau aufhält, zeige, dass Auto fahren eine "besondere Situation" ist, in der zahlreiche seelische Prozesse angeregt würden. Das Auto vermittle ein Gefühl der Unverwundbarkeit und Stärke. Der Mensch kann mit einem sanften Druck seines Fußes Geschwindigkeiten und Kräfte entfalten, die weit über den Möglichkeiten seiner Muskeln liegen. Er erlebt die Ambivalenz von Allmacht und Angst.

Rudas sieht ein Manko in der bisherigen tiefenpsychologischen Forschung zum Phänomen Auto fahren. Daher gäbe es heute noch kaum Erklärungsansätze aus dieser Wissenschaftsdisziplin darüber, warum das Verkehrsgeschehen für die Menschen einen derart hohen Stellenwert habe.

Gastgeberin Christine Zach von der ÖAMTC AKADEMIE fasste die Veranstaltung in zwei Punkten zusammen: Den Autofahrern Irrationalität vorzuwerfen, geht ins Leere, weil das eine einzige, allgemeingültige Logik voraussetzt. Wenn aber Menschen unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensentwürfe haben, gibt es auch unterschiedliche, standpunktbezogene Rationalitäten. Die Herausforderung würde also darin bestehen, diese Ansätze zu erfassen und zum Inhalt von Verkehrsforschung zu machen. Die Telematik, so Zach, sei nach übereinstimmender Ansicht aller Experten kaum das Mittel, diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Einer umfassenden technischen Steuerung würden sich die Menschen sehr wahrscheinlich zu entziehen trachten, weil sie diese als eine unzulässige Vereinheitlichung und Einschränkung ihrer Gestaltungsmöglichkeiten erleben würden.

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Dr. Christine Zach
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