"Österreich gestern" von Engelbert Washietl

Kommentar WirtschaftsBlatt

Wien (OTS) - Die Fernsehsendung "Bundesland heute", die täglich um 19 Uhr ausgestrahlt wird, ist das elektronische Flaggschiff der föderalen Struktur des ORF. Die Sendung ist populär und von lokaler Relevanz. Marillenernte in der Wachau, die Empörung der Temelin-Gegner am Grenzübergang Wullowitz oder die Premiere im Landestheater Tirol haben sichere Sendezeiten. Das ist wichtige Information, ausserdem schenkt der ORF seinem Publikum 20 Minuten Heimat. Die landespolitische Komponente ist delikat und wird zumeist verdrängt.

Das Rundfunkvolksbegehren von 1964 bewirkte eine kritische Distanz der Journalisten zu Politik und Parteien. Allerdings nicht so in den Landesstudios. Sie profitierten von der von Gerd Bacher ausgerufenen Informationsexplosion, richteten sich aber als Gartenlaube der Landespolitik ein. Für einen Landeshauptmann ist in "seinem" Studio zwischen 19.00 und 19.20 Uhr immer Marillenernte. Mancher feierliche Spatenstich oder bedeutungsschwere Handschlag wäre dem Publikum vorenthalten geblieben, hätte das Landhaus nicht mit gewissen infrastrukturellen Massnahmen die Dreharbeiten erleichtert. Auch wurde kaum je ein ORF-Landesintendant ohne wohlwollendes Kopfnicken des Landeshauptmanns bestellt.

Das Magazin Format schilderte soeben, wie Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider während eines USA-Aufenthaltes mit Hilfe seines Pressesekretärs ein "Interview" filmen liess und bezahlte. Das Studio Kärnten strahlte es aus. Die Empörung seriöser ORF-Redakteure ist journalistisch verständlich, ihr Zornesausbruch kommt aber aus einer anderen Welt als der der ORF-Realpolitik. Man erinnert sich daran, dass Generalintendant Gerhard Weis noch vor kurzer Zeit die Landeshauptleute gegen das neue ORF-Gesetz mobilisierte. Das bestreitet er zwar, wusste bei Abfassung seines Briefes aber trotzdem genau, wie nötig Landespolitiker die föderale ORF-Struktur als Tribüne für Volksnähe und Polit-PR brauchen.

Gerd Bacher hat die Landesstudios in silbrig-modernistische Aluminiumboxen gesteckt, deren Betrieb heute 170 Millionen Euro kostet. Ihr politisches Selbstverständnis leiten sie aber aus dem Biedermeier der Vor-Bacher-Ära ab, und so wird es vermutlich auch nach der ORF-Reform 2002 bleiben. Im neuen ORF-Gesetz steht nämlich nichts davon, dass Fische beschlossen hätten, sich vom Wasser zu emanzipieren.

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